Wohin entwickelt sich die Behandlung von Angststörungen?
Im Labor der Universität Zürich sitzt ein Patient mit VR-Brille. Um ihn herum: ein virtueller Hörsaal voller Menschen, alle Augen auf ihn gerichtet. Er hält einen Vortrag. Sein Herz rast, die Hände schwitzen. Aber nach zwanzig Minuten lässt die Angst nach. Nach sechs Sitzungen kann er auch vor echten Menschen sprechen. Virtual-Reality-Expositionstherapie nennt sich das Verfahren.
Die Behandlung von Angststörungen verändert sich. Neue Technologien erweitern das therapeutische Arsenal. Substanzen, die jahrzehntelang verboten waren, werden in klinischen Studien erprobt. Gleichzeitig wachsen die Herausforderungen: Die Pandemie hat eine Generation von Kindern und Jugendlichen geprägt, deren Ängste chronisch werden. Die Versorgungslücke bleibt ungeschlossen.
Dieser Artikel blickt nach vorn: Welche neuen Behandlungsansätze werden erforscht? Wie können Technologien wie Virtual Reality und künstliche Intelligenz die Therapie unterstützen? Was bedeuten die steigenden Zahlen bei jungen Menschen für das Versorgungssystem? Und welche Lehren ziehen wir aus den Krisen der letzten Jahre?
Virtual Reality: Die Zukunft der Expositionstherapie?
Exposition ist wirksam, aber aufwendig. Wer Flugangst behandeln will, muss einen Flug buchen. Wer Höhenangst konfrontieren will, braucht ein hohes Gebäude. Wer soziale Phobie therapieren will, muss echte soziale Situationen arrangieren. Virtual Reality bietet eine Alternative: kontrollierte Exposition im Therapiezimmer.
Die Forschung ist vielversprechend. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 mit über 3.000 Patienten zeigt: VR-Expositionstherapie ist genauso wirksam wie klassische Exposition in vivo. Die Effektstärke ist hoch, die Abbruchrate niedrig. Patienten akzeptieren das Verfahren gut, weil sie wissen, dass sie jederzeit die Brille abnehmen können. Die virtuelle Welt fühlt sich real genug an, um Angstreaktionen auszulösen, aber sicher genug, um sie auszuhalten.
Die Vorteile liegen auf der Hand. Der Therapeut kontrolliert jeden Aspekt der Situation: Anzahl der virtuellen Zuschauer, deren Reaktionen, die Dauer der Exposition. Situationen lassen sich beliebig oft wiederholen. Und bestimmte Szenarien, etwa ein Flugzeugabsturz, lassen sich in der Realität nicht ethisch vertretbar simulieren, in VR schon.
Die Technik entwickelt sich schnell. Moderne Systeme nutzen 360-Grad-Videos echter Umgebungen statt computergenerierter Grafiken. Das erhöht das Präsenzgefühl. Einige Anwendungen integrieren biometrisches Feedback: Die virtuelle Umgebung reagiert auf den Herzschlag des Patienten.
Invirto: VR-Therapie auf Rezept
In Deutschland gibt es seit 2020 eine zugelassene VR-Anwendung für Angststörungen: Invirto. Die digitale Gesundheitsanwendung kombiniert Virtual-Reality-Exposition mit therapeutischer Begleitung per App und Telefon. Patienten erhalten eine VR-Brille nach Hause und durchlaufen ein strukturiertes Programm über mehrere Wochen.
Die Krankenkassen übernehmen die Kosten, etwa 500 Euro für das Gesamtpaket. Die Studienlage ist vielversprechend: In der Zulassungsstudie zeigten 70 Prozent der Teilnehmer eine klinisch relevante Verbesserung ihrer Paniksymptome. Der Vorteil gegenüber der klassischen Praxis-VR: Patienten können zu Hause üben, wann immer sie wollen, ohne Anfahrt und Wartezeit.
Allerdings ist Invirto kein Ersatz für schwere Fälle. Die Anwendung richtet sich an Patienten mit leichter bis mittelschwerer Panikstörung oder Agoraphobie. Wer unter einer schweren, komorbiden oder therapieresistenten Angststörung leidet, braucht weiterhin eine persönliche Behandlung. Auch die Abbruchrate ist höher als in der Präsenztherapie: Ohne den regelmäßigen Kontakt zum Therapeuten verlieren manche Patienten die Motivation.
Noch ist VR-Therapie kein Standard. Die Geräte kosten, die Therapeuten müssen geschult werden, die Vergütung durch die Krankenkassen ist unklar. Aber ich bin überzeugt: In zehn Jahren wird VR-Exposition ein selbstverständlicher Teil der Behandlung sein.
Psychedelika: Renaissance einer verbotenen Substanzklasse
Psilocybin, der Wirkstoff aus halluzinogenen Pilzen. MDMA, besser bekannt als Ecstasy. LSD, das Symbol der Gegenkultur der 1960er. Substanzen, die jahrzehntelang als gefährlich galten, werden in klinischen Studien als Therapeutika erforscht. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Und umstritten.
Die Forschung konzentriert sich vor allem auf therapieresistente Fälle. Eine oder zwei Sitzungen unter dem Einfluss der Substanz, begleitet von intensiver psychotherapeutischer Vor- und Nachbereitung. Die FDA hat Psilocybin den Status einer Breakthrough Therapy verliehen, was die Zulassung beschleunigt. Compass Pathways hat im Juni 2025 positive Ergebnisse aus der ersten Phase-3-Studie veröffentlicht: Psilocybin reduzierte Depressionssymptome signifikant stärker als Placebo.
MDMA-assistierte Therapie für posttraumatische Belastungsstörungen hatte 2024 einen Rückschlag. Die FDA verweigerte die Zulassung und verwies auf methodische Mängel der Studien: 40 Prozent der Teilnehmer hatten bereits Erfahrung mit MDMA, was die Verblindung erschwerte. Die langfristigen Daten sind dennoch eindrucksvoll: 71 Prozent der behandelten Veteranen und Ersthelfer zeigten auch nach zwölf Monaten noch Symptomlinderung.
Die Schweiz ist weiter als andere europäische Länder. Seit 2014 dürfen dort ausgewählte Ärzte Patienten mit therapieresistenter Depression, PTBS und Angststörungen mit Psilocybin, MDMA oder LSD behandeln. Über 1.000 Ausnahmebewilligungen wurden seither erteilt, schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Behandlungen durchgeführt. Deutschland hat im Juli 2025 ein erstes Compassionate-Use-Programm für Psilocybin genehmigt, vorerst beschränkt auf zwei Kliniken in Mannheim und Berlin.
Ketamin: Bereits zugelassen, aber umstritten
Eine Substanz ist bereits auf dem Markt: Esketamin, ein Nasenspray von Janssen unter dem Handelsnamen Spravato. Seit 2019 in der EU zugelassen für therapieresistente Depression, seit 2020 auch bei akuter Suizidalität. Die Anwendung erfolgt unter ärztlicher Aufsicht, der Patient muss nach der Gabe mindestens zwei Stunden in der Praxis bleiben.
Die Wirkung tritt schnell ein, oft innerhalb von Stunden statt Wochen wie bei klassischen Antidepressiva. Das macht Ketamin interessant für Notfälle. Aber die Langzeitwirkung ist begrenzt: Viele Patienten brauchen regelmäßige Auffrischungen. Die Kosten sind hoch, etwa 200 Euro pro Sitzung, und nicht alle Kassen übernehmen sie ohne Weiteres.
Für Angststörungen ist Ketamin nicht zugelassen, wird aber off-label eingesetzt. Erste Studien zeigen Wirksamkeit bei therapieresistenter sozialer Phobie und generalisierter Angststörung. Die Datenlage ist noch dünn. Ich halte Ketamin für eine Option in Einzelfällen, nicht für eine Lösung auf breiter Basis.
Insgesamt sehe ich die Psychedelika-Renaissance mit gemischten Gefühlen. Die Forschungsergebnisse sind faszinierend. Aber die Risiken sind real: Psychosen bei vulnerablen Personen, Missbrauchspotenzial, fehlende Langzeitdaten. Eine Zulassung sollte an strenge Bedingungen geknüpft sein. Therapeuten brauchen spezielle Ausbildung. Selbstmedikation ist gefährlich.
Neuromodulation: Gehirnstimulation ohne Medikamente
Transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS, und transkranielle Gleichstromstimulation, tDCS, stimulieren Hirnareale von außen durch den Schädel. Bei Depression ist TMS bereits etabliert, für Angststörungen wächst die Evidenz.
Die repetitive TMS (rTMS) richtet gepulste Magnetfelder auf den präfrontalen Kortex, ein Areal, das bei Angststörungen oft unteraktiv ist. Eine Meta-Analyse aus 2024 mit über 1.000 Patienten zeigt moderate Effekte bei generalisierter Angststörung und Panikstörung. Die Behandlung erfordert tägliche Sitzungen über mehrere Wochen, was für Berufstätige schwierig sein kann.
Praktischer ist die tDCS: Schwache elektrische Ströme durch Elektroden auf der Kopfhaut. Die Geräte sind klein und günstig, theoretisch sogar für die Heimanwendung geeignet. Die Wirksamkeit bei Angststörungen ist allerdings weniger gut belegt als bei TMS. Die meisten Studien haben kleine Fallzahlen, die Ergebnisse sind uneinheitlich. Für eine klare Empfehlung fehlt die Evidenz.
In Deutschland bieten einige psychiatrische Kliniken und niedergelassene Psychiater TMS an. Die Kosten von 50 bis 100 Euro pro Sitzung werden von den Kassen meist nur bei Depression übernommen, bei Angststörungen selten. Das halte ich für kurzsichtig: Wenn TMS Medikamente reduzieren kann, spart das langfristig Kosten und Nebenwirkungen.
Künstliche Intelligenz: Hilfe oder Hype?
Chatbots wie Woebot oder Wysa führen strukturierte Gespräche auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie. Sie sind rund um die Uhr verfügbar, kostenlos oder günstig, und erreichen Menschen, die keinen Therapeuten finden oder sich nicht trauen, einen aufzusuchen. Studien zeigen moderate Effekte bei leichten Ängsten und Depressionen.
Die nächste Generation wird mächtiger. Große Sprachmodelle wie GPT-4 können komplexere Gespräche führen, auf Nuancen reagieren, individuelle Kontexte berücksichtigen. Erste Pilotprojekte untersuchen KI-gestützte Therapiebegleitung: Der Chatbot übernimmt Hausaufgaben-Besprechungen zwischen den Sitzungen, der Therapeut konzentriert sich auf die komplexen Fälle.
Auch in der Diagnostik könnte KI helfen. Algorithmen analysieren Sprachmuster, Mimik, Schlaftracker-Daten und erkennen Muster, die auf eine beginnende Angststörung hindeuten. Früherkennung ermöglicht frühere Intervention. Die Technik existiert im Laborstadium, der Weg in die Praxis ist noch weit. Datenschutz und Regulierung bleiben offene Fragen.
Meine Einschätzung: KI wird Therapeuten nicht ersetzen, aber entlasten. Für niedrigschwellige Erste Hilfe, für Überbrückung der Wartezeit, für Psychoedukation sind Chatbots sinnvoll. Die therapeutische Beziehung, das Vertrauen, die menschliche Resonanz, das kann keine Maschine leisten. Wer glaubt, man könne die Versorgungslücke mit Algorithmen schließen, unterschätzt die Komplexität psychischer Erkrankungen.
Das Erbe der Pandemie: Ängste bei Kindern werden chronisch
Die Zahlen sind alarmierend. Der DAK-Kinder- und Jugendreport vom Dezember 2025 zeigt: 230.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland haben eine diagnostizierte Angststörung. Bei Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren stieg die Zahl der Behandelten seit 2019 um 53 Prozent. Die Zahl chronischer Angststörungen in dieser Gruppe hat sich verdoppelt. Verdoppelt. Das sind keine abstrakten Statistiken, das sind junge Menschen, deren Entwicklung durch Angst eingeschränkt wird.
Die Corona-Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, soziale Isolation trafen Kinder in einer kritischen Entwicklungsphase. Die COPSY-Studie des UKE Hamburg dokumentiert: 21 Prozent der jungen Menschen berichten von anhaltender Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität, 22 Prozent leiden unter psychischen Auffälligkeiten. Die Zahlen haben sich nach der Pandemie nicht erholt.
Neue Krisen kommen hinzu. 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen sorgen sich wegen Kriegen, 62 Prozent wegen Terrorismus, 57 Prozent wegen wirtschaftlicher Unsicherheit, 49 Prozent wegen des Klimawandels. Diese krisenbezogenen Ängste korrelieren mit erhöhten psychischen Belastungen. Eine Generation wächst mit permanenter Verunsicherung auf.
Das halte ich für eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Wenn Ängste im Jugendalter chronisch werden, begleiten sie die Betroffenen oft ein Leben lang. Prävention in Schulen, niedrigschwellige Beratungsangebote, mehr Kinder- und Jugendpsychotherapeuten: Das sind keine Wünsche, das sind Notwendigkeiten.
Die Versorgungslücke in der Schule
Schulpsychologen könnten eine Schlüsselrolle spielen: Sie sind vor Ort, kennen die Schüler, können früh intervenieren. In Deutschland kommt ein Schulpsychologe auf etwa 5.000 Schüler. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen fordert seit Jahren einen Schlüssel von 1:1.000. Zum Vergleich: In Finnland liegt er bei 1:800, in den Niederlanden bei 1:1.200.
Die Folge: Schulpsychologen kommen erst zum Einsatz, wenn die Probleme eskaliert sind. Prävention ist bei dieser Ausstattung nicht möglich. Lehrer sind überfordert, psychische Auffälligkeiten zu erkennen und angemessen zu reagieren. Die meisten haben keine Ausbildung dafür. Zwischen dem Moment, in dem ein Kind erste Angstsymptome zeigt, und dem Moment, in dem es professionelle Hilfe bekommt, vergehen oft Jahre.
Einige Bundesländer experimentieren mit Mental Health First Aid für Lehrer: Kurzschulungen, die sensibilisieren und Handlungs- kompetenz vermitteln. Das ist besser als nichts. Aber es ersetzt keine strukturelle Aufstockung der Schulpsychologie. Ohne mehr Fachpersonal bleibt Prävention eine Absichtserklärung.
Wird sich die Versorgungslage verbessern?
Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz liegt bei fünf Monaten. In ländlichen Regionen oft deutlich länger. Dieses strukturelle Defizit besteht seit Jahren. Die Frage ist: Wird es besser?
Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung stammt aus einer Zeit, als psychische Erkrankungen weniger häufig diagnostiziert wurden. Sie berücksichtigt nicht, dass die Nachfrage gestiegen ist. Eine Reform wäre nötig, aber politisch komplex. Jeder neue Therapeut kostet das System Geld.
Digitale Angebote können einen Teil der Lücke füllen. DiGAs, also Apps auf Rezept, bieten strukturierte Programme zur Überbrückung der Wartezeit. Videobasierte Therapie macht Behandlung unabhängig vom Wohnort möglich. Aber digitale Tools ersetzen keine menschliche Beziehung, und nicht jeder Patient ist dafür geeignet.
Ich bin skeptisch, dass sich die Versorgungslage kurzfristig verbessert. Die Ausbildung neuer Psychotherapeuten dauert Jahre. Die Reform der Bedarfsplanung steckt in Interessenkonflikten fest. Realistische Erwartung: Die Lücke wird bleiben, möglicherweise sogar wachsen.
Was andere Länder anders machen
Großbritannien hat mit dem IAPT-Programm (Improving Access to Psychological Therapies) einen anderen Weg eingeschlagen. Seit 2008 wurden dort tausende psychologische Therapeuten ausgebildet und eingestellt, die evidenzbasierte Kurztherapien anbieten. Das Ergebnis: Die Wartezeiten sanken, die Behandlungsquote stieg. Über eine Million Patienten werden jährlich behandelt.
Das britische Modell setzt auf Stepped Care: Leichte Fälle werden mit Selbsthilfeprogrammen und angeleiteten Online-Kursen behandelt, mittelschwere mit Kurzzeittherapie, schwere mit intensiver Psychotherapie. So werden die Ressourcen dort eingesetzt, wo sie am meisten gebraucht werden. Die Recovery-Raten liegen bei etwa 50 Prozent, was für ein Breitenprogramm respektabel ist.
In Deutschland fehlt ein solches strukturiertes Stufenmodell. Wer eine Psychotherapie beginnt, bekommt in der Regel eine Langzeittherapie, auch wenn eine Kurzzeitintervention gereicht hätte. Das bindet Kapazitäten. Reformvorschläge gibt es seit Jahren, sie scheitern an Berufsverbänden, die ihre Pfründe verteidigen. Das ist frustrierend.
Prävention: Der unterschätzte Hebel
Wer Angststörungen verhindern will, muss früher ansetzen. Prävention in Kindergarten und Schule, Stärkung der Resilienz, frühe Intervention bei ersten Symptomen. Das ist kostengünstiger als Therapie und wirksamer als Warten.
Programme wie FRIENDS oder Cool Little Kids zeigen in Studien messbare Effekte. Kinder lernen, mit Ängsten umzugehen, bevor diese sich zu Störungen entwickeln. Die Fähigkeiten bleiben erhalten. Aber solche Programme sind in Deutschland nicht flächendeckend implementiert. Es gibt Modellprojekte, keine Regelversorgung.
Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) hat 2025 angekündigt, Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen stärker in den Fokus zu nehmen. Das ist ein Anfang. Aber zwischen Forschungsankündigung und flächendeckender Umsetzung liegen Jahre.
Die Prävention müsste auch die Eltern einbeziehen. Ängstliche Eltern erhöhen das Risiko für ängstliche Kinder, teils genetisch, teils durch Modelllernen. Elterntrainings können diesen Kreislauf unterbrechen. Sie werden zu selten angeboten.
Welche Programme zeigen Wirkung?
Die besten Daten hat das australische Programm Cool Little Kids. Eltern von Kindern mit ängstlichem Temperament lernen in sechs Gruppensitzungen, wie sie ihre Kinder zu mutigen Verhaltensweisen ermutigen, ohne Ängste zu verstärken. Langzeitstudien zeigen: Die Rate von Angststörungen halbiert sich bei den behandelten Kindern im Vergleich zur Kontrollgruppe.
In Deutschland gibt es ähnliche Ansätze, aber kaum flächendeckend. Das Projekt MindMatters sensibilisiert Schulen für psychische Gesundheit. Papilio stärkt sozial-emotionale Kompetenzen im Kindergarten. SNAKE (Stress nicht als Katastrophe erleben) trainiert Stressbewältigung bei Schülern. Alle wirksam, alle unterfinanziert, alle auf Projektbasis statt Regelversorgung.
Was mir Hoffnung macht: Das Bewusstsein wächst. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell psychische Gesundheit kippen kann. Eltern, Lehrer, Politiker verstehen zunehmend, dass Prävention keine Luxusausgabe ist, sondern eine Investition. Ob diese Einsicht zu Taten führt, wird sich zeigen.
Fazit: Fortschritt und offene Baustellen
Die Behandlung von Angststörungen wird besser. VR-Exposition erweitert die therapeutischen Möglichkeiten. Psychedelika-Forschung eröffnet neue Perspektiven für therapieresistente Fälle. Digitale Angebote verbessern den Zugang. Das Wissen wächst, die Werkzeuge werden vielfältiger. Neuromodulation und KI-gestützte Interventionen stehen noch am Anfang, werden aber in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.
Aber die strukturellen Probleme bleiben. Zu wenige Therapeuten, zu lange Wartezeiten, zu wenig Prävention. Die Pandemie hat eine Generation junger Menschen belastet, deren Bedarf das System nicht decken kann. Das ist kein Naturgesetz. Es ist eine politische Entscheidung, die anders getroffen werden könnte. Andere Länder zeigen, dass schneller Zugang zu evidenzbasierter Therapie möglich ist, wenn man es will.
Diese Serie hat gezeigt: Angststörungen sind häufig, ernstzunehmend und behandelbar. Wer unter einer Angststörung leidet, muss das nicht akzeptieren. Wirkungsvolle Behandlungen existieren. Die Betroffenen verdienen schnellen Zugang zu wirksamer Therapie. Dass sie diesen oft nicht bekommen, ist ein Skandal, kein Schicksal. Und dass es so bleibt, ist nicht unvermeidlich.
Quellen
- Frontiers in Psychiatry: Meta-Analyse VR-Therapie bei Angststörungen, 2025. https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/
- Invirto: VR-Therapie auf Rezept, DiGA-Verzeichnis BfArM. https://www.invirto.de/
- Compass Pathways: Phase-3-Ergebnisse COMP360, Juni 2025. https://compasspathways.com/
- FDA: Complete Response Letter zu MDMA-assistierter Therapie, August 2024. https://www.fda.gov/
- Lancet Regional Health Europe: Psychedelics Treatment in Europe, 2025. https://www.thelancet.com/lanepe
- Janssen: Spravato (Esketamin) Fachinformation. https://www.janssen.com/
- Journal of Clinical Psychiatry: Meta-Analyse TMS bei Angststörungen, 2024. https://www.psychiatrist.com/jcp/
- DAK-Kinder- und Jugendreport: Angststörungen, Dezember 2025. https://www.dak.de/
- COPSY-Studie, UKE Hamburg-Eppendorf: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, 2024. https://www.uke.de/
- Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen: Schulpsychologie in Deutschland. https://www.bdp-verband.de/
- NHS England: IAPT Programme Manual. https://www.england.nhs.uk/mental-health/adults/iapt/
- DZPG: Risikofaktoren psychische Erkrankungen bei Kindern, 2025. https://www.dzpg.org/
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Bedarfsplanung Psychotherapie. https://www.kbv.de/
- Cool Little Kids: Prävention kindlicher Angststörungen. https://www.mq.edu.au/research/cool-little-kids
- MindMatters: Schulprogramm psychische Gesundheit. https://www.mindmatters-schule.de/