Von der gesunden Angst zur Störung
Thomas M. kann sich noch genau an den Moment erinnern. Dezember 2023, Weihnachtsfeier der Firma, etwa 80 Kollegen im Saal. Er sollte eine kurze Dankesrede halten, drei Minuten, nicht mehr. Doch schon beim Aufstehen wurde ihm schwindelig. Seine Hände zitterten, die Stimme versagte. Nach 30 Sekunden brach er ab und verließ den Raum. Seitdem meidet er jede Situation, in der er vor anderen sprechen müsste. Die Diagnose kam sechs Monate später: Soziale Phobie.
Angst vor öffentlichem Sprechen kennen viele. Aber wo endet normale Nervosität und wo beginnt eine Erkrankung? Die Grenze ist fließend, die Unterscheidung jedoch entscheidend. Denn eine Angststörung verschwindet nicht von selbst. Sie verfestigt sich, breitet sich aus, kann das gesamte Leben dominieren. Dieser Artikel erklärt, was genau eine Angststörung ausmacht, welche Formen es gibt und wie Fachleute die Diagnose stellen.
Die Zahlen zeigen die Dimension: Etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens eine behandlungsbedürftige Angststörung. Das sind rund 12 Millionen Menschen. Hinzu kommen viele weitere mit leichteren Formen, die zwar leiden, aber keine Diagnose erhalten. Angststörungen sind damit eine der häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Häufiger als Depressionen, häufiger als Suchterkrankungen. Trotzdem wird über sie deutlich weniger gesprochen.
Warum Angst eigentlich nützlich ist
Angst ist eine evolutionäre Erfolgsgeschichte. Sie hielt unsere Vorfahren am Leben. Das Rascheln im Gebüsch, der Schatten am Höhleneingang, der Geruch eines Raubtiers: Wer schnell reagierte, überlebte. Wer zu entspannt war, wurde gefressen. Diese Programmierung steckt noch heute in uns.
Physiologisch ist Angst ein ausgeklügeltes Warnsystem. Die Amygdala, eine mandelförmige Struktur im Gehirn, erkennt potenzielle Gefahren und löst blitzschnell eine Kaskade aus: Adrenalin und Cortisol fluten den Körper, der Herzschlag beschleunigt sich, die Muskeln spannen an, die Sinne schärfen sich. Fight or Flight. Also Kampf oder Flucht. Das System funktioniert in Millisekunden, lange bevor wir bewusst nachdenken können.
Die körperlichen Veränderungen haben einen klaren Zweck. Das Herz pumpt mehr Blut in die Muskeln, damit wir schneller laufen können. Die Pupillen weiten sich, um mehr Licht einzufangen. Die Verdauung wird heruntergefahren, weil der Körper seine Energie anders braucht. Selbst die Blutgerinnung erhöht sich, für den Fall einer Verletzung. All das geschieht automatisch und ohne unser Zutun. Der präfrontale Kortex, zuständig für rationales Denken, wird dabei teilweise übergangen. Das erklärt, warum Menschen in Angst oft irrational handeln.
Auch heute noch ist dieses evolutionäre System nützlich. Der Schritt zurück auf den Gehweg, wenn ein Auto zu schnell heranfährt. Das mulmige Gefühl in einer dunklen Gasse. Die erhöhte Aufmerksamkeit vor einer wichtigen Prüfung. Angst macht wachsam, fokussiert, auch leistungsfähig. Das Problem beginnt, wenn sie sich verselbstständigt.
Wann wird Angst zur Störung?
Die Übergänge sind nicht immer scharf. Doch es gibt klare Kriterien, die eine Angststörung von normaler Angst unterscheiden. Die S3-Leitlinie der AWMF beschreibt mehrere zentrale Merkmale.
Erstens: Die Angst ist der Situation nicht angemessen. Herzrasen beim Anblick einer Giftschlange ist normal. Herzrasen beim Anblick einer Stubenfliege ist es nicht. Die Reaktion steht in keinem vernünftigen Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr. Das wissen die Betroffenen meist selbst, können es aber nicht ändern.
Zweitens: Die Angst hält länger an als nötig. Normale Angst klingt ab, sobald die Gefahr vorüber ist. Bei einer Angststörung bleibt sie bestehen, manchmal über Stunden, Tage oder dauerhaft. Und sie kehrt immer wieder, auch ohne konkreten Anlass.
Drittens: Die Angst lässt sich nicht kontrollieren. Gutes Zureden hilft nicht, auch nicht die eigene Einsicht. Der Verstand sagt: Das ist irrational. Das Gefühl bleibt trotzdem. Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Empfinden macht die Erkrankung so quälend.
Viertens: Die Angst beeinträchtigt das Leben erheblich. Wer wegen Flugangst den Urlaub umbucht, hat vielleicht eine Phobie. Wer wegen Angst vor Menschenansammlungen das Haus nicht mehr verlässt, hat definitiv ein Problem. Der Schweregrad bemisst sich an den konkreten Einschränkungen im Alltag, im Beruf, in Beziehungen.
Was passiert bei einer Panikattacke?
Eine Panikattacke kommt ohne Vorwarnung. Plötzlich rast das Herz, der Atem stockt, Schweiß bricht aus. Schwindel, Übelkeit, ein Gefühl der Unwirklichkeit. Viele Betroffene sind überzeugt, einen Herzinfarkt zu erleiden. Manche glauben zu sterben. Nach fünf bis zehn Minuten ist der Spuk meist vorbei. Zurück bleibt die Angst vor der nächsten Attacke.
Die Zahlen sind erheblich: Etwa drei Prozent der Bevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Panikstörung, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Der typische Beginn liegt zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Interessanterweise treten erste Attacken oft in Ruhephasen auf, nicht unter Stress. Nach einem anstrengenden Projekt, im Urlaub, nachts im Bett.
Das Problem ist nicht die einzelne Attacke. Es ist vielmehr die Erwartungsangst danach. Die ständige Sorge, wann und wo die nächste kommen wird. Diese Angst vor der Angst führt dazu, dass Betroffene Orte und Situationen meiden, in denen eine Attacke besonders unangenehm wäre: öffentliche Verkehrsmittel, Menschenmengen, weite Plätze, enge Räume. Wenn die Vermeidung überhandnimmt, entwickelt sich zusätzlich eine Agoraphobie.
Typisch ist auch das Sicherheitsverhalten. Betroffene entwickeln Strategien, um sich vor einer Attacke zu schützen oder deren Folgen zu minimieren. Immer eine Wasserflasche dabei haben. Immer am Gang sitzen, nie in der Mitte. Immer wissen, wo der nächste Ausgang ist. Diese Verhaltensweisen verschaffen kurzfristig Erleichterung, verfestigen aber langfristig die Störung. Denn sie bestätigen dem Gehirn: Die Situation ist gefährlich, du brauchst diese Absicherung.
Ein häufiger Irrweg: Der Gang von Arzt zu Arzt, auf der Suche nach einer körperlichen Ursache. Herzuntersuchung, Schilddrüse, Blutdruck, MRT. Die Befunde sind unauffällig. Das ist beruhigend, aber auch frustrierend. Manche Betroffene durchlaufen jahrelang das medizinische System, bevor jemand an eine Panikstörung denkt. Vom ersten Auftreten der Störung bis zur qualifizierten Therapie können Jahre vergehen, manchmal bis zu sieben. Das halte ich für erschreckend lange.
Generalisierte Angststörung: Die Sorgenmaschine
Anders als bei der Panikstörung fehlt hier der dramatische Anfalls. Stattdessen beherrscht eine unterschwellige, aber permanente Angst den Alltag. Betroffene sorgen sich um alles: die Gesundheit der Kinder, die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Zukunft der Rente, den Klimawandel, mögliche Unfälle, denkbare Krankheiten. Das Grübeln hört nicht auf.
Was von außen wie übertriebene Vorsicht aussieht, ist für die Betroffenen eine kaum erträgliche Last. Die Gedanken kreisen unkontrollierbar, meist um unwahrscheinliche Katastrophen. Meldet sich der Sohn eine Stunde nicht, muss er einen Unfall gehabt haben. Bei leichten Kopfschmerzen droht ein Tumor. Bittet der Chef um ein Gespräch, steht die Kündigung bevor. Jede Ungewissheit wird zur Bedrohung, jede Informationslücke füllt das Gehirn mit dem schlimmsten anzunehmenden Szenario.
Körperlich zeigt sich die generalisierte Angststörung durch chronische Anspannung: Muskelverspannungen, besonders im Nacken und Rücken, Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizbarkeit. Viele Betroffene werden wegen dieser Symptome behandelt, ohne dass die eigentliche Ursache erkannt wird. Der Orthopäde verschreibt Physiotherapie, der Hausarzt Schlaftabletten. Beides hilft kurzfristig, ändert aber nichts am Grundproblem.
Anders als bei der Panikstörung gibt es keinen klaren Anfang. Die Symptome schleichen sich ein, werden Teil des Alltags. Viele Betroffene wissen gar nicht mehr, wie sich ein entspannter Zustand anfühlt. Sie halten ihre chronische Anspannung für normal, weil sie nichts anderes kennen. Oft fällt erst in der Therapie auf, wie angespannt die Schultern sind, wie flach die Atmung, wie verkrampft die Kiefermuskulatur. Die Gewöhnung an den Stress ist Teil der Erkrankung.
Die Diagnose erfordert, dass die exzessiven Sorgen seit mindestens sechs Monaten an den meisten Tagen auftreten und von mindestens drei der folgenden Symptome begleitet werden: Ruhelosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Muskelverspannungen, Schlafstörungen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen.
Soziale Phobie: Die Angst vor dem Urteil anderer
Menschen mit sozialer Phobie fürchten nicht gefährliche Situationen, sondern peinliche. Sie haben Angst, sich zu blamieren, dumm dazustehen, negativ beurteilt zu werden. Diese Angst bezieht sich auf bestimmte soziale Situationen: Vorträge halten, Small Talk, Essen in Gesellschaft, Behördengänge, manchmal sogar Einkaufen.
Das Heimtückische: Die körperlichen Symptome, die durch die Angst entstehen, werden selbst zur Quelle weiterer Angst. Erröten, Schwitzen, Zittern, eine zittrige Stimme. Die Betroffenen fürchten, dass andere diese Zeichen der Nervosität bemerken und sie dafür verurteilen. Diese Angst vor der sichtbaren Angst verstärkt das Problem in einer Abwärtsspirale.
Die soziale Phobie beginnt meist schleichend in der Kindheit oder frühen Jugend. Sie wird oft als Schüchternheit abgetan. Tatsächlich gibt es einen Unterschied: Schüchterne Menschen fühlen sich in sozialen Situationen unwohl, können aber damit umgehen. Menschen mit sozialer Phobie erleben intensive Angst und vermeiden die Situationen konsequent. Diese Vermeidung kann die berufliche Entwicklung massiv behindern.
Die Gedankenmuster sind charakteristisch. Vor der gefürchteten Situation wird sie endlos durchgespielt, immer mit negativem Ausgang. Danach wird jedes Detail analysiert: War mein Lächeln seltsam? Habe ich etwas Dummes gesagt? Haben die anderen gemerkt, dass mir unwohl war? Dieses Grübeln kann Tage dauern. Es verstärkt die Überzeugung, sozial ungeschickt zu sein, und macht die nächste Situation noch bedrohlicher.
Sieben bis zwölf Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einer sozialen Phobie. Sie zählt damit zu den häufigsten Angststörungen. Die Beeinträchtigung wird oft unterschätzt, weil Betroffene nach außen hin funktionieren. Sie gehen zur Arbeit, haben vielleicht sogar einen Partner. Aber sie leben unter ihren Möglichkeiten, meiden Beförderungen, verzichten auf Chancen. Der unsichtbare Preis ist hoch. Ich bin überzeugt, dass die gesellschaftlichen Kosten dieser stillen Einschränkungen enorm sind, auch wenn sie in keiner Statistik auftauchen.
Welche spezifischen Phobien gibt es?
Spezifische Phobien sind die häufigste Form der Angststörungen und gleichzeitig die am besten behandelbare. Sie beziehen sich auf konkrete Objekte oder Situationen: Spinnen, Schlangen, Hunde, Blut, Spritzen, Höhen, Fliegen, Gewitter, enge Räume, Zahnärzte. Die Liste ist lang.
Die häufigsten spezifischen Phobien betreffen Tiere, vor allem Spinnen und Schlangen. Evolutionspsychologen vermuten, dass hier uralte Schutzprogramme nachwirken. Unsere Vorfahren, die giftige Tiere mieden, hatten einen Überlebensvorteil. Interessant ist: Die Angst vor modernen Gefahren wie Autos oder Steckdosen ist weit weniger verbreitet, obwohl diese statistisch gefährlicher sind als Spinnen. Das Gehirn ist auf Gefahren der Steinzeit programmiert, nicht auf die der Gegenwart. Evolutionär gesehen sind Autos zu neu, um angeborene Furchtreaktionen auszulösen.
Eine Sonderstellung nimmt die Blut-Spritzen-Verletzungsphobie ein. Während andere Phobien mit den üblichen Angstsymptomen einhergehen, also erhöhtem Puls und Blutdruck, reagieren Menschen mit dieser Phobie paradox: Ihr Blutdruck fällt ab, sie können ohnmächtig werden. Diese vasovagale Reaktion ist ein Überbleibsel aus der Evolution. Bei Verletzungen kann ein niedriger Blutdruck den Blutverlust reduzieren. Das erklärt, warum diese Angst bei Blutabnahmen oder Impfungen manchmal unterschätzt wird.
Spezifische Phobien schränken das Leben unterschiedlich stark ein. Wer Angst vor Schlangen hat, kommt in Mitteleuropa gut zurecht. Wer Angst vor dem Fliegen hat, kann auf Bahn und Auto ausweichen. Aber wer Angst vor Spritzen hat, meidet möglicherweise notwendige medizinische Behandlungen. Das kann gefährlich werden. Gerade die Spritzenphobie halte ich für unterschätzt, denn sie führt dazu, dass Menschen wichtige Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder sogar lebensrettende Bluttransfusionen ablehnen.
Wie wird eine Angststörung diagnostiziert?
Die Diagnose einer Angststörung erfolgt durch ein ausführliches Gespräch mit einem Psychiater oder Psychotherapeuten. Es gibt keinen Bluttest, kein Röntgenbild, keinen objektiven Marker. Die Diagnose stützt sich auf die geschilderten Symptome, ihre Dauer, ihre Intensität und ihre Auswirkungen auf den Alltag.
Standardisierte Fragebögen helfen, die Symptome systematisch zu erfassen und ihren Schweregrad einzuschätzen. Verbreitete Instrumente sind der PHQ-D (Patient Health Questionnaire) oder die Hamilton-Angstskala. Diese Fragebögen ersetzen das klinische Gespräch nicht, ergänzen es aber sinnvoll.
Der PHQ-D enthält spezifische Fragen zu Angstsymptomen der vergangenen zwei Wochen. Wie oft haben Sie sich nervös, ängstlich oder angespannt gefühlt? Wie oft konnten Sie Sorgen nicht stoppen oder kontrollieren? Die Antworten werden mit Punkten bewertet. Ein Wert über zehn deutet auf eine behandlungsbedürftige Störung hin. Diese Schwellenwerte sind statistisch validiert und helfen, zwischen normaler Befindlichkeit und klinisch relevanter Symptomatik zu unterscheiden.
Ein wichtiger Teil der Diagnostik ist der Ausschluss körperlicher Ursachen. Schilddrüsenüberfunktion kann Angstsymptome auslösen. Ebenso bestimmte Herzrhythmusstörungen, Hormonstörungen oder der Konsum von Substanzen wie Koffein oder Amphetaminen. Deshalb gehören zur Erstuntersuchung auch Blutentnahme und EKG. Auch Medikamente können Angst als Nebenwirkung verursachen, etwa bestimmte Asthmasprays, Blutdruckmittel oder Kortisonpräparate. Ein Blick auf die Medikamentenliste ist daher obligatorisch.
Die Klassifikation erfolgt nach ICD-10-GM, das in Deutschland bis mindestens 2027 der verbindliche Standard bleibt. Die ICD-11 ist zwar seit 2022 international in Kraft, wird aber hierzulande erst später verpflichtend. Die verschiedenen Angststörungen haben eigene Diagnoseschlüssel: F40 für Phobien, F41 für andere Angststörungen wie Panikstörung und generalisierte Angststörung.
Angststörungen kommen selten allein
In der Praxis zeigt sich häufig: Wer eine Angststörung hat, hat oft auch andere psychische Probleme. Diese sogenannte Komorbidität ist eher die Regel als die Ausnahme. Etwa die Hälfte aller Menschen mit einer Angststörung leidet gleichzeitig an einer Depression. Weitere häufige Begleiterkrankungen sind somatoforme Störungen, bei denen körperliche Beschwerden ohne organische Ursache auftreten, sowie Persönlichkeitsstörungen.
Der Zusammenhang ist nachvollziehbar. Chronische Angst ist erschöpfend. Die ständige Anspannung, das permanente Grübeln, die eingeschränkten Aktivitäten, sie zermürben. Irgendwann kommt Hoffnungslosigkeit dazu, Antriebslosigkeit, Rückzug. Die Depression ist dann nicht die Ursache, sondern die Folge der unbehandelten Angststörung.
Eine weitere häufige Begleiterscheinung ist problematischer Alkoholkonsum. Alkohol dämpft kurzfristig die Angst. Das macht ihn verführerisch. Aber die Wirkung hält nicht an. Nach dem Abbau des Alkohols ist die Angst oft stärker als zuvor. Ein Teufelskreis entsteht: mehr Alkohol, mehr Angst, mehr Alkohol. Diese Selbstmedikation ist aus meiner Sicht einer der tragischsten Aspekte unbehandelter Angststörungen. Die Therapie muss dann beides adressieren, was die Behandlung erheblich erschwert.
Auch verschiedene Angststörungen treten oft gemeinsam auf. Panikstörung mit Agoraphobie ist die häufigste Kombination. Aber auch soziale Phobie und generalisierte Angststörung überlappen sich nicht selten. Die Behandlung muss das Gesamtbild berücksichtigen.
Die gute Nachricht: Angststörungen gehören zu den am besten behandelbaren psychischen Erkrankungen. Mit der richtigen Therapie erreichen etwa 70 bis 80 Prozent der Betroffenen eine deutliche Besserung oder vollständige Remission. Doch der Weg dorthin ist oft lang. Zu wenige Therapieplätze, zu lange Wartezeiten, zu viel Scham, sich Hilfe zu suchen. Das führt dazu, dass viele Menschen jahrelang leiden, obwohl wirksame Behandlungen existieren.
Fazit
Angst ist keine Schwäche und keine Charaktereigenschaft. Sie ist vielmehr eine biologische Reaktion, die unter bestimmten Umständen aus dem Ruder laufen kann. Die Grenze zwischen normaler Angst und Angststörung verläuft dort, wo die Reaktion nicht mehr zur Situation passt, wo sie unkontrollierbar wird und wo sie das Leben erheblich einschränkt. Betroffene können nichts dafür, dass ihr Alarmsystem überreagiert. Und sie können etwas dagegen tun, sobald sie verstehen, was mit ihnen geschieht.
Die verschiedenen Formen der Angststörung, ob Panikstörung, generalisierte Angststörung, soziale Phobie oder spezifische Phobie, unterscheiden sich in ihrem Erscheinungsbild, folgen aber ähnlichen Mechanismen und sprechen auf ähnliche Behandlungen an. Wer die Grundlagen versteht, kann besser einordnen, was mit ihm oder anderen geschieht. Und wer früh erkennt, dass etwas nicht stimmt, kann früher handeln. Denn je länger eine Angststörung unbehandelt bleibt, desto mehr verfestigt sie sich.
Im nächsten Teil dieser Serie geht es dann um die Ursachen: Wie entstehen Angststörungen? Welche Rolle spielen Gene, Umwelt und Gehirn? Und warum sind manche Menschen anfälliger als andere?
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, gültig bis April 2026. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html
- DGPPN: Basisdaten Psychische Erkrankungen, Februar 2025. https://www.dgppn.de/
- ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V (F): Psychische und Verhaltensstörungen. https://www.bfarm.de/
- Bandelow B, et al.: Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Nervenarzt 2022; 93:1-10.
- Jacobi F, et al.: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Bundesgesundheitsblatt 2014; 57:120-130.
- National Institute of Mental Health: Anxiety Disorders. https://www.nimh.nih.gov/
- Neurologen und Psychiater im Netz: Angsterkrankungen. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/
- Stiftung Gesundheitswissen: Was ist eine Angststörung? https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/angststoerung/
- gesundheitsinformation.de: Generalisierte Angststörung. https://www.gesundheitsinformation.de/
- MSD Manual: Überblick über Angststörungen. https://www.msdmanuals.com/de/