Angststörungen: Was Sie wissen müssen

Maria K., 34 Jahre, Projektleiterin in einem Münchner IT-Unternehmen, fuhr jeden Morgen mit der U-Bahn zur Arbeit. Bis zu jenem Dienstag im März 2024, als ihr Herz plötzlich raste, die Luft wegblieb und sie überzeugt war, einen Herzinfarkt zu erleiden. Der Notarzt fand nichts. Der Kardiologe auch nicht. Nach drei Monaten und fünf Arztbesuchen kam die Diagnose: Panikstörung. Maria ist kein Einzelfall.

Rund 12 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Angststörung. Das entspricht 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, wie die DGPPN in ihren Basisdaten 2025 dokumentiert. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer, ein Unterschied, der sich bereits in der Pubertät zeigt und bis ins hohe Alter bestehen bleibt. Die Zahlen steigen: Seit der Corona-Pandemie verzeichnen Kliniken und Praxen einen deutlichen Zuwachs, besonders bei Jugendlichen. Der DAK-Kinder- und Jugendreport 2025 dokumentiert bei 15- bis 17-jährigen Mädchen einen Anstieg der Diagnosen um 53 Prozent seit 2019. Gleichzeitig warten Betroffene im Schnitt fünf Monate auf einen Therapieplatz.

Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse zu Angststörungen zusammen: Was sie von normaler Angst unterscheidet, welche Formen es gibt, wie sie entstehen und behandelt werden. Die Informationen stützen sich auf die S3-Leitlinie der AWMF, aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts und Studien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

Wann wird Angst zur Krankheit?

Angst gehört zum Leben. Sie warnt vor Gefahren, schärft die Sinne und mobilisiert Energie für Kampf oder Flucht. Evolutionär betrachtet hat sie uns als Spezies das Überleben gesichert. Das Problem beginnt, wenn die Angst unverhältnismäßig stark auftritt, wenn sie ohne erkennbaren Anlass kommt oder wenn sie den Alltag so sehr beherrscht, dass normale Aktivitäten unmöglich werden. Dann sprechen Fachleute von einer Angststörung.

Die Abgrenzung zwischen normaler Angst und krankhafter Angst ist nicht immer einfach, selbst für erfahrene Therapeuten. Nervosität vor einem wichtigen Vorstellungsgespräch ist völlig normal und kann sogar die Leistung verbessern. Wochenlang nicht schlafen können, weil dieses Gespräch bevorsteht, und es dann aus Angst abzusagen, ist es definitiv nicht. Lampenfieber vor einem Vortrag kennen die meisten Menschen, auch erfahrene Redner berichten davon. Einen Vortrag jedoch absagen zu müssen, weil allein die Vorstellung unerträglich erscheint und körperliche Symptome auslöst, deutet auf eine behandlungsbedürftige Störung hin.

Die S3-Leitlinie der AWMF nennt drei zentrale Kriterien für die Diagnose: Erstens ist die Angst der Situation nicht angemessen, sie steht in keinem vernünftigen Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr. Zweitens hält sie deutlich länger an als nötig, oft Stunden oder Tage nach dem auslösenden Ereignis. Und drittens lässt sie sich weder durch rationale Überlegungen erklären noch durch Willensanstrengung kontrollieren. Alle drei Kriterien müssen erfüllt sein.

Ein häufiges Missverständnis in der Bevölkerung: Betroffene könnten sich zusammenreißen, wenn sie nur wollten. Das ist falsch und schadet den Betroffenen. Eine Angststörung ist eine psychische Erkrankung mit nachweisbaren neurobiologischen Veränderungen im Gehirn. Bildgebende Verfahren zeigen eine erhöhte Aktivität in der Amygdala und veränderte Verbindungen zum präfrontalen Kortex. Die gute Nachricht: Diese Veränderungen sind reversibel. 70 bis 80 Prozent der Patienten werden mit der richtigen Therapie wieder vollständig gesund.

Welche Formen von Angststörungen gibt es?

Angststörungen treten in verschiedenen Formen auf. Vier davon sind besonders häufig: Panikstörung, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien. Sie unterscheiden sich in ihren Auslösern, Symptomen und Verläufen. Die gute Nachricht: Die Behandlung folgt bei allen ähnlichen Prinzipien, und alle vier Formen sprechen gut auf Psychotherapie an, wenn sie frühzeitig erkannt werden.

Die Panikstörung zeigt sich durch plötzliche, heftige Angstanfälle, die ohne Vorwarnung auftreten können. Die Symptome überwältigen: Herzrasen, Schweißausbrüche, Atemnot, Schwindel, Übelkeit, Taubheitsgefühle in Händen und Füßen. Viele Betroffene sind beim ersten Anfall überzeugt, einen Herzinfarkt zu erleiden oder zu sterben. Körperlich real. Intensiv. Eine Attacke dauert meist fünf bis zehn Minuten, manchmal bis zu einer halben Stunde, kann aber subjektiv wie eine Ewigkeit erscheinen, in der jede Sekunde zur Qual wird. Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Das Tückische: Nach der ersten Panikattacke entwickelt sich oft eine Angst vor der Angst, die das Leben massiv einschränken kann.

Bei der generalisierten Angststörung fehlt ein klarer Auslöser. Stattdessen kreisen die Gedanken permanent um mögliche Katastrophen, die statistisch unwahrscheinlich sind, sich aber nicht aus dem Kopf vertreiben lassen. Die Kinder könnten einen Unfall haben. Der Job könnte verloren gehen. Eine schwere Krankheit könnte drohen. Rational wissen die Betroffenen, dass diese Sorgen übertrieben sind, doch das ändert nichts an ihrer Intensität. Diese Angst ist nicht anfallsartig wie bei der Panikstörung, sondern chronisch und erschöpfend. Sie begleitet die Betroffenen durch den gesamten Tag, oft über Monate oder Jahre hinweg.

Die soziale Phobie richtet sich auf Situationen, in denen man beobachtet oder bewertet werden könnte: Prüfungen, Präsentationen, Gespräche mit Vorgesetzten, manchmal auch scheinbar banale Dinge wie Essen in der Kantine. Die zentrale Angst: Sich zu blamieren.Negativ aufzufallen. Von anderen als inkompetent wahrgenommen zu werden. Im Laufe ihres Lebens erkranken sieben bis zwölf Prozent der Bevölkerung daran. Die Störung beginnt meist schleichend in der Kindheit oder Jugend und wird oft jahrelang als Schüchternheit fehlgedeutet. Das halte ich für problematisch, weil die Betroffenen dadurch wichtige Entwicklungsjahre verlieren.

Spezifische Phobien beziehen sich auf konkrete Objekte oder Situationen. Spinnen. Hunde. Höhen. Spritzen. Blut. Flugreisen. Enge Räume. Gewitter. Die Liste ist lang. Mit etwa zehn Prozent Lebenszeitprävalenz sind sie die häufigste Form der Angststörungen überhaupt, die Angstreaktion bleibt aber auf den spezifischen Auslöser begrenzt. Gute Nachrichten gibt es auch: Spezifische Phobien sind die am besten behandelbare Form. Schon wenige Sitzungen Konfrontationstherapie zeigen bei 80 bis 90 Prozent der Patienten deutliche und dauerhafte Wirkung.

Woher kommen Angststörungen?

Manche Menschen entwickeln eine Angststörung, andere nicht, obwohl sie ähnliche Belastungen erleben. Die einfache Erklärung: Es gibt keinen einzelnen Auslöser. Die Forschung der letzten zwanzig Jahre zeigt ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Die genetische Komponente ist mittlerweile gut belegt. Zwillingsstudien beziffern die Erblichkeit auf 30 bis 50 Prozent, je nach untersuchter Angststörung. Das bedeutet nicht, dass ein einzelnes Gen verantwortlich wäre, im Gegenteil: Hunderte von Genvarianten tragen jeweils einen kleinen Teil zum Risiko bei. Besonders gut untersucht ist das FKBP5-Gen, das die Stressreaktion des Körpers reguliert. Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie haben gezeigt, dass bestimmte Varianten dieses Gens bei Menschen, die in der Kindheit traumatisiert wurden, zu dauerhaften epigenetischen Veränderungen führen können. Die Stressregulation im Gehirn bleibt dann langfristig gestört.

Traumatische Erlebnisse sind ein starker Risikofaktor, besonders wenn sie früh im Leben auftreten. Missbrauch in der Kindheit, emotionale Vernachlässigung, aber auch Unfälle, schwere Krankheiten oder der plötzliche Verlust nahestehender Personen können den Grundstein für spätere Angsterkrankungen legen. Das Risiko steigt, wenn die Betroffenen jung waren und keine angemessene Unterstützung erhielten. Chronischer Stress im Erwachsenenalter, etwa durch berufliche Überlastung, finanzielle Sorgen oder familiäre Konflikte, kann ebenfalls zum Auslöser werden, besonders bei genetischer Vorbelastung.

Im Gehirn zeigen sich bei Angstpatienten messbare Veränderungen, die mit modernen bildgebenden Verfahren sichtbar gemacht werden können. Der Botenstoff Serotonin spielt eine zentrale Rolle bei der Emotionsregulation, was die Wirksamkeit von Antidepressiva vom SSRI-Typ erklärt. Die Amygdala, oft als Angstzentrum des Gehirns bezeichnet, reagiert bei Betroffenen empfindlicher auf potenzielle Bedrohungen und braucht länger, um sich wieder zu beruhigen. Gleichzeitig ist die Kontrolle durch den präfrontalen Kortex geschwächt. Die gute Nachricht, und das kann ich nicht oft genug betonen: Diese Veränderungen sind nicht unumkehrbar. Erfolgreiche Psychotherapie normalisiert nachweislich die Gehirnaktivität.

Was hilft? Die Behandlungsoptionen

Die S3-Leitlinie der AWMF, die bis April 2026 gültig ist, formuliert eine klare Empfehlung: Psychotherapie ist die Behandlung erster Wahl bei allen Angststörungen. Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie, die den höchsten Evidenzgrad (Ia) erreicht und von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen bezahlt wird.

Der therapeutische Ansatz kombiniert zwei Elemente: Im kognitiven Teil lernen Betroffene, ihre automatischen Angstgedanken zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Stimmt es wirklich, dass alle mich auslachen werden? Was ist das Schlimmste, das passieren kann, und wie wahrscheinlich ist das? Im verhaltenstherapeutischen Teil setzen sie sich schrittweise den gefürchteten Situationen aus, Exposition genannt, und erleben dabei, dass die befürchtete Katastrophe nicht eintritt. Die Angst steigt zunächst an, sinkt dann aber von selbst wieder ab. Mit jeder Wiederholung wird die Angstreaktion schwächer.

Medikamente können die Therapie ergänzen, besonders bei schweren Verläufen oder wenn die Angst so stark ist, dass eine Exposition zunächst nicht möglich erscheint. Die Leitlinie empfiehlt selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Escitalopram, Sertralin oder Paroxetin. Keine Suchtgefahr. Aber: Geduld. Zwei bis vier Wochen dauert es, bis sie wirken, und in dieser Anfangsphase können sich die Symptome vorübergehend sogar verschlechtern. Von Benzodiazepinen wie Lorazepam oder Diazepam rät die Leitlinie ausdrücklich ab, das Abhängigkeitsrisiko ist zu hoch. Nur kurzfristig in akuten Krisensituationen, niemals als Dauermedikation.

Das größte praktische Problem bleibt der Zugang zur Behandlung. Fünf Monate Wartezeit auf einen Therapieplatz im bundesweiten Durchschnitt, in ländlichen Regionen und bei Kinder- und Jugendlichentherapeuten noch deutlich länger. Das halte ich für einen gesundheitspolitischen Skandal: Eine gut behandelbare Erkrankung chronifiziert, weil Therapieplätze fehlen und die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung die reale Nachfrage nicht abbildet.

Es gibt Alternativen. Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen (Telefon 116117) vermittelt zumindest Erstgespräche innerhalb von vier Wochen. Bei akuter Krise helfen psychiatrische Notaufnahmenund der ärztliche Bereitschaftsdienst helfen sofort. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) auf Rezept, etwa velibra oder Invirto, können die Wartezeit überbrücken und sind besser als nichts, aber kein vollwertiger Ersatz für eine Therapie mit einem Menschen.

Selbsthilfe: Was Betroffene tun können

Vorweg: Selbsthilfe ersetzt keine professionelle Behandlung. Sie kann die Therapie aber wirksam ergänzen und die Wartezeit auf einen Therapieplatz erträglicher machen. Die einfachste und am besten wissenschaftlich belegte Methode ist die kontrollierte Bauchatmung, die den Parasympathikus aktiviert, also den Teil des autonomen Nervensystems, der für Entspannung und Erholung zuständig ist.

So geht es: Vier Sekunden langsam durch die Nase einatmen, dabei den Bauch wölben. Sieben Sekunden sanft anhalten. Acht Sekunden durch den Mund ausatmen. Fünf Wiederholungen. Klingt simpel. Ist es auch. Wirkt aber nachweislich, wie kontrollierte Studien zeigen.

Die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson ist ebenfalls gut belegt und wird von vielen Krankenkassen als Präventionskurs bezuschusst. Das Prinzip: Einzelne Muskelgruppen werden nacheinander für etwa fünf Sekunden bewusst angespannt und dann für 20 bis 30 Sekunden wieder losgelassen. Man beginnt mit den Händen, arbeitet sich über Arme, Schultern, Gesicht und Nacken zum Rumpf und den Beinen vor. Der Körper lernt, Anspannung und Entspannung bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Nach einiger Übung kann man die Entspannungsreaktion auch in Angstsituationen gezielt abrufen.

Bewegung hilft. Regelmäßige körperliche Aktivität hat einen messbaren angstlösenden Effekt, der in Studien mit dem von Antidepressiva vergleichbar ist. Die Mechanismen sind vielfältig: Sport reduziert Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin, fördert die Ausschüttung von Endorphinen und verbessert den Schlaf. Kein Leistungssport nötig. Schon 30 Minuten zügiges Gehen an fünf Tagen pro Woche zeigen Wirkung. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die Intensität.

Mindestens ebenso wichtig ist, was man besser lassen sollte. Alkohol und Beruhigungsmittel verschaffen kurzfristig Erleichterung, verstärken aber langfristig die Angst und können in die Abhängigkeit führen. Ein klassischer Teufelskreis. Ähnlich problematisch ist das konsequente Vermeiden angstauslösender Situationen. Es scheint naheliegend, festigt aber die Störung, weil das Gehirn nie die korrigierende Erfahrung macht, dass die befürchtete Katastrophe nicht eintritt. Koffein kann Angstsymptome verstärken und sollte reduziert werden, wenn ein Zusammenhang besteht.

Wie können Angehörige unterstützen?

Eine Angststörung belastet nicht nur die Betroffenen selbst. Partner, Eltern, Kinder und Freunde leiden mit, fühlen sich hilflos und frustriert. Sie wollen helfen, wissen aber nicht wie. Manche gut gemeinten Reaktionen verschlimmern die Situation sogar.

Der wichtigste erste Schritt: Die Angst ernst nehmen. Sätze wie "Stell dich nicht so an", "Das ist doch nicht schlimm" oder "Reiß dich zusammen" sind gut gemeint, aber kontraproduktiv. Sie vermitteln dem Betroffenen, dass seine Angst unberechtigt ist und er sich dafür schämen sollte. Doch die Angst fühlt sich für ihn absolut real an, mit all ihren körperlichen Symptomen. Besser: Verständnis zeigen, ohne die Angst zu verstärken. "Ich sehe, dass du gerade Angst hast. Das muss sich furchtbar anfühlen. Sag mir, wie ich helfen kann."

Hilfreich ist es, zur professionellen Behandlung zu ermutigen, ohne zu drängen oder Ultimaten zu stellen. Informationen über Therapiemöglichkeiten anzubieten, falls gewünscht. Bei der Therapeutensuche praktisch zu unterstützen, etwa durch gemeinsames Recherchieren oder Begleitung zum Erstgespräch. Was man unbedingt vermeiden sollte: Dem Betroffenen alle angstauslösenden Aufgaben abnehmen. Das mag kurzfristig Erleichterung bringen, verstärkt aber das Vermeidungsverhalten und damit die Angststörung. Experten nennen das Akkommodation, und sie ist einer der wichtigsten Faktoren, die einer Besserung im Weg stehen.

Angehörige sollten auch auf ihre eigenen Grenzen achten. Dauerhaft einen psychisch belasteten Menschen zu begleiten, ist anstrengend und kann selbst krank machen. Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch Kranker existieren in allen größeren Städten, Beratungsstellen wie die der Caritas oder Diakonie bieten kostenlose Unterstützung. Wer selbst erschöpft ist, kann anderen nicht helfen. Das ist keine Schwäche, sondern eine Realität, die anerkannt werden muss.

Empfehlungen

Aus diesen Erkenntnissen folgen konkreteHandlungsempfehlungen, differenziert nach Situation.

Für Betroffene

Wer Symptome einer Angststörung bei sich bemerkt, sollte nicht abwarten in der Hoffnung, dass sie von allein verschwinden. Das tun sie in der Regel nicht. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser die Prognose und desto kürzer die Therapie. Der erste Schritt kann ein Gespräch mit dem Hausarzt sein. Dieser kann eine erste Einschätzung geben, körperliche Ursachen ausschließen und bei Bedarf eine Überweisung ausstellen. Die Terminservicestelle 116117 vermittelt Erstgespräche bei Psychotherapeuten innerhalb von vier Wochen. Während der Wartezeit auf einen regulären Therapieplatz können DiGAs auf Rezept, Selbsthilfegruppen und Entspannungstechniken helfen, die Zeit zu überbrücken.

Für Angehörige

Informieren Sie sich über Angststörungen, um zu verstehen, was in Ihrem Angehörigen vorgeht. Zeigen Sie Verständnis und Geduld, ohne das Vermeidungsverhalten zu verstärken. Ermutigen Sie zur professionellen Hilfe, respektieren Sie aber auch ein Nein. Und achten Sie auf Ihre eigenen Grenzen. Die Deutsche Angst-Hilfe bietet Informationsmaterial und Selbsthilfegruppen, auch speziell für Angehörige.

Für Arbeitgeber

Psychische Erkrankungen, darunter Angststörungen, verursachen 17 Prozent aller Krankheitstage in Deutschland und sind damit eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit. Prävention zahlt sich aus: Stressmanagement-Programme, realistische Arbeitsbelastung, flexible Arbeitszeiten und eine Unternehmenskultur, die psychische Gesundheit enttabuisiert statt stigmatisiert. Betroffene Mitarbeiter brauchen Verständnis und gegebenenfalls angepasste Arbeitsbedingungen während der Behandlungsphase. Das ist kein Entgegenkommen, sondern wirtschaftlich vernünftig.

Fazit

Die Fakten sind klar. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland: rund 12 Millionen Betroffene, Tendenz steigend, besonders bei jungen Menschen. Gleichzeitig sind sie gut behandelbar. 70 bis 80 Prozent werden mit der richtigen Therapie wieder vollständig gesund. Das eigentliche Problem ist nicht fehlendes Wissen über wirksame Behandlungen. Es ist fehlender Zugang: zu lange Wartezeiten, zu wenig Therapieplätze, zu viel Stigma.

Wer betroffen ist oder jemanden kennt, der betroffen sein könnte: Nicht zögern. Hilfe suchen. Die Erkrankung verschwindet selten von allein und neigt dazu, sich zu verfestigen, auszuweiten und weitere Probleme nach sich zu ziehen: Depression, Substanzmissbrauch, sozialer Rückzug, berufliche Probleme. Frühzeitige Behandlung verhindert diese Chronifizierung und gibt Lebensqualität zurück.

Die folgenden Teile dieser Serie vertiefen die hier angerissenen Themen: die verschiedenen Formen von Angststörungen im Detail, die Ursachen und neurobiologischen Grundlagen, die Behandlungsoptionen von Psychotherapie bis Medikamente, praktische Selbsthilfestrategien für den Alltag und einen Ausblick auf neue Forschungsansätze wie Virtual-Reality-Therapie und psychedelika-assistierte Behandlung.

Quellen

  1. DGPPN: Basisdaten Psychische Erkrankungen, Februar 2025. https://www.dgppn.de/
  2. Robert Koch-Institut: RKI-Panel 2024, Prävalenz von Angstsymptomatik. https://www.rki.de/
  3. AWMF S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, gültig bis April 2026. https://www.awmf.org/
  4. DAK Kinder- und Jugendreport 2025: Angststörungen. https://www.dak.de/
  5. Bundespsychotherapeutenkammer: Wartezeiten auf Psychotherapieplätze, 2024. https://www.bptk.de/
  6. Max-Planck-Institut für Psychiatrie: FKBP5 und epigenetische Veränderungen durch Kindheitstraumata. https://www.mpg.de/
  7. GKV-Spitzenverband: Bericht zu Digitalen Gesundheitsanwendungen, 2024. https://www.gkv-spitzenverband.de/
  8. Stiftung Gesundheitswissen: Angststörungen. https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/
  9. Neurologen und Psychiater im Netz: Angsterkrankungen. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/
  10. gesundheitsinformation.de: Generalisierte Angststörung. https://www.gesundheitsinformation.de/