Europa zwischen den Fronten: Allein in einer feindlichen Welt
Am 14. Februar 2025 betrat JD Vance, der amerikanische Vizepräsident, die Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz. Das Publikum bestand aus der europäischen Sicherheitselite: Verteidigungsminister, Generäle, Diplomaten, Think-Tank-Direktoren. Sie erwarteten den üblichen transatlantischen Schulterklopfer, vielleicht gewürzt mit Kritik an europäischen Verteidigungsausgaben. Was sie bekamen, war eine Ohrfeige.
Vance warf Europa vor, die Demokratie zu untergraben und fundamentale Werte zu verraten. Die Redefreiheit sei in Gefahr, die Migration außer Kontrolle, die Führungen dekadent. Die National Security Strategy der Trump-Administration, wenige Wochen zuvor veröffentlicht, warnte vor civilizational erasure in Europa. Das war keine diplomatische Verstimmung. Das war Feindseligkeit.
Die transatlantische Allianz, Eckpfeiler der europäischen Sicherheit seit 1949, hat aufgehört zu existieren. So formuliert es Ian Bremmer von der Eurasia Group. Nicht als dramatische Ankündigung, nicht durch formellen Austritt, sondern als schleichende Erosion, die 2026 nicht mehr zu leugnen ist. Europa steht plötzlich allein, ohne den Schutzschirm, auf den es sich 75 Jahre lang verlassen hatte.
Dieser Artikel analysiert Europas Lage: die Abhängigkeiten, die Verwundbarkeiten, die Reaktionen. Und die unbequeme Frage, ob der Kontinent rechtzeitig erwachsen wird.
Wie abhängig ist Europa von Amerika?
Die Zahlen sind ernüchternd. Zwischen 2020 und 2024 kamen 64 Prozent aller europäischen Waffenimporte aus den USA. Deutschland fliegt amerikanische Kampfjets, nutzt amerikanische Aufklärungssysteme, lagert amerikanische Atombomben. Frankreich ist unabhängiger, aber auch Frankreich kann keine größere Operation ohne amerikanische Logistik und Aufklärung führen.
Im Energiesektor hat sich die Abhängigkeit verlagert, nicht verringert. Nachdem russisches Gas nach der Ukraine-Invasion wegfiel, füllte amerikanisches Flüssiggas die Lücke. 2021 importierte Europa 21 Milliarden Kubikmeter LNG aus den USA. 2025 waren es 81 Milliarden, fast eine Vervierfachung. 57 Prozent aller europäischen LNG-Importe stammten im vergangenen Jahr aus Amerika. Wenn Trump diese Lieferungen als Druckmittel einsetzen wollte, hätte er erheblichen Hebel.
Am gravierendsten ist die Kommandostruktur. Die NATO funktioniert, weil die USA Führung, Aufklärung und Koordination bereitstellen. Ohne amerikanische Beteiligung können europäische Streitkräfte keine multinationalen Großoperationen führen. Es gibt schlicht keine europäische Kommandostruktur, die das leisten könnte. Das Pentagon hat den Europäern bereits mitgeteilt, dass sie bis 2027 wesentliche Teile der NATO-Verteidigungsplanung selbst übernehmen sollen.
Die erste Truppenreduzierung ist bereits erfolgt. Im Oktober 2025 zog das Pentagon eine komplette Brigade aus Osteuropa ab: 4.200 Soldaten der 101st Airborne Division, die in Rumänien, der Slowakei, Ungarn und Bulgarien stationiert waren. Das war kein Symbol, sondern ein Einschnitt. Wenn Amerika Europa als Last statt als Verbündeten sieht, wird der Rückzug weitergehen.
Die Grönland-Krise: Ein Weckruf
Im Januar 2026 erlebte Europa, was es bedeutet, wenn der Verbündete zum Gegner wird. Trump drohte Dänemark mit Zöllen und militärischer Gewalt, falls es Grönland nicht abträte. Dänemark, NATO-Gründungsmitglied, Kampfgefährte in Afghanistan und Irak, strategischer Partner seit 75 Jahren. Trump behandelte es wie einen Feindstaat.
Die europäische Reaktion war bemerkenswert. Über zehn europäische Länder entsandten Militärpersonal nach Grönland: Dänemark selbst, aber auch Frankreich, Deutschland, Schweden, Norwegen, Finnland, die Niederlande, Großbritannien, Belgien, Estland und Slowenien. Operation Arctic Endurance, eine Verteidigungsaktion gegen den nominellen Verbündeten. Dänemark erklärte, im Falle einer amerikanischen Invasion Artikel 5 der NATO gegen die USA auszulösen.
EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius brachte es auf den Punkt: Eine amerikanische Invasion Grönlands wäre das Ende der NATO. Und europäische Mitgliedstaaten wären verpflichtet, Dänemark zu verteidigen. Der Gedanke, dass europäische Soldaten gegen amerikanische kämpfen könnten, war bis vor kurzem undenkbar. Im Januar 2026 war er plötzlich denkbar.
Trump lenkte schließlich ein. Nach Gesprächen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte nahm er die Zolldrohungen zurück und schloss militärische Gewalt aus. Die Krise endete, aber das Vertrauen nicht. Was einmal gedroht wurde, kann wieder gedroht werden. Europa hat gelernt, dass amerikanische Sicherheitsgarantien nicht mehr verlässlich sind.
Europas Antwort: Die größte Aufrüstung seit dem Kalten Krieg
Die EU reagiert mit Geld. Im März 2025 präsentierte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Rearm Europe Plan, offiziell Readiness 2030. Ziel: 800 Milliarden Euro bis 2029 für Verteidigung mobilisieren, darunter 150 Milliarden an EU-gestützten Krediten über ein neues Instrument namens SAFE. Das Volumen entspricht dem Corona-Wiederaufbaufonds, dem größten EU-Programm der Geschichte.
Die nationalen Budgets steigen parallel. Die Verteidigungsausgaben der EU-Mitgliedstaaten erreichten 2024 343 Milliarden Euro und stiegen 2025 auf geschätzte 381 Milliarden, ein Plus von elf Prozent. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt wuchs von 1,6 Prozent 2023 auf 2,1 Prozent 2025. Die Investitionen in Rüstungsgüter verdoppelten sich fast: von 62 Milliarden 2022 auf über 100 Milliarden 2025.
Deutschland geht besonders weit. Im März 2025 änderte der Bundestag die Schuldenbremse, um Verteidigungsausgaben über einem Prozent des BIP von der Schuldengrenze auszunehmen. Ein 500-Milliarden-Euro-Fonds für Infrastruktur wurde aufgelegt. Das Verteidigungsbudget für 2026 beträgt 108,2 Milliarden Euro, mehr als das Doppelte von vor vier Jahren. Kanzler Merz spricht davon, die stärkste europäische Armee aufzubauen.
Beim NATO-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 verpflichteten sich alle Mitglieder, bis 2035 fünf Prozent ihres BIP für Verteidigung und Sicherheit auszugeben, davon mindestens 3,5 Prozent für Kernverteidigung. Polen will bereits 2025 auf 4,7 Prozent kommen, Estland und Litauen streben fünf bis sechs Prozent an. Frankreich plant 3,5 Prozent. Das sind historische Steigerungen.
Reicht das? Die Fähigkeitslücken
Geld allein löst das Problem nicht. Europa hat jahrzehntelang Verteidigung vernachlässigt und Fähigkeiten atrophieren lassen. Die Bundeswehr ist ein Paradebeispiel: zu wenig Soldaten, zu wenig Munition, zu viele defekte Fahrzeuge und Flugzeuge. Die anderen europäischen Armeen sind kaum besser. Das ist das Erbe der Friedensdividende. Aufzuholen dauert Jahre, nicht Monate.
Deutsche und dänische Geheimdienste schätzen, dass Russland sechs Monate bis zwei Jahre nach einem Waffenstillstand in der Ukraine in der Lage sein könnte, einen EU- oder NATO-Nachbarn anzugreifen. Moskaus Verteidigungsausgaben übersteigen bereits die aller europäischen Länder zusammen. Russland rekrutiert Hunderttausende Soldaten, produziert Waffen im Dreischichtbetrieb, hat seine Wirtschaft auf Krieg umgestellt.
Europa hat das Gegenteil getan. Die Friedensdividende nach dem Kalten Krieg wurde konsumiert, die Rüstungsindustrie geschrumpft, die Armeen verkleinert. Die Kehrtwende braucht Zeit: Fabriken müssen gebaut, Soldaten ausgebildet, Lieferketten aufgebaut werden. Die Munitionsproduktion in der EU hat sich verdreifacht, reicht aber immer noch nicht, um die Ukraine zu versorgen und eigene Bestände aufzufüllen.
Die strategische Unabhängigkeit fehlt in kritischen Bereichen. Ohne amerikanische Satelliten keine präzise Aufklärung. Ohne amerikanische Transportkapazitäten keine schnelle Verlegung über große Entfernungen. Ohne amerikanische Luftverteidigung keine Verteidigung gegen Hyperschallwaffen. All das aufzubauen ist möglich, aber teuer und zeitaufwändig. Und die Zeit drängt.
Deutschland: Vom Trittbrettfahrer zur Führungsmacht?
Deutschland ist der Schlüssel. Mit 84 Millionen Einwohnern und der größten Volkswirtschaft Europas hat es das Potenzial, den Kontinent zu führen. Jahrzehntelang tat es das nicht. Die Bundesrepublik profitierte von amerikanischer Sicherheit und konzentrierte sich auf Exporte. Verteidigung war ein lästiger Kostenfaktor, strategisches Denken ein Fremdwort.
Unter Kanzler Merz ändert sich das. Die Zeitenwende, die Olaf Scholz 2022 ausrief, wird unter Merz tatsächlich umgesetzt. Das ist bemerkenswert. Im April 2025 stationierte Deutschland 5.000 Soldaten dauerhaft in Litauen, das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass deutsche Truppen permanent im Ausland stehen. 2026 übernimmt die Luftwaffe ihre ersten F-35-Kampfjets, Deutschlands Eintritt in die fünfte Kampfflugzeug-Generation.
Merz hat auf internationaler Bühne erhebliches politisches Kapital eingesetzt: Trump managen, die Ukraine unterstützen, europäische Verteidigung koordinieren. Das kostet innenpolitisch. Die AfD profitiert von wirtschaftlicher Unsicherheit und wirft Merz vor, sich zu sehr auf Außenpolitik zu konzentrieren. Die Kritik, dass Geld für Panzer ausgegeben wird statt für Schulen, ist populär.
Die Herausforderung ist dreifach. Erstens: Aufrüstung finanzieren, ohne andere Prioritäten zu vernachlässigen. Zweitens: Führung übernehmen, ohne die Partner zu verprellen, die Deutschland historisch misstrauen. Drittens: Mit China wirtschaftlich verbunden bleiben, während die Blöcke sich verhärten. Keines dieser Probleme hat eine einfache Lösung.
Hält Europa zusammen?
Die Grönland-Krise zeigte europäische Solidarität. Elf Länder stelltensich gemeinsam gegen amerikanische Drohungen. Die EU-Kommission reagierte schnell und geschlossen. Das war ermutigend. Aber die europäische Einheit hat Grenzen, und die werden sichtbar, wenn es um harte Entscheidungen geht.
Die Debatte um europäische Verteidigung offenbart alte Trennlinien. Frankreich plädiert seit de Gaulle für strategische Autonomie, eine EU-zentrierte Sicherheitspolitik unabhängig von Amerika. Osteuropäische Länder wie Polen und die baltischen Staaten setzen traditionell auf NATO und USA, weil sie Russland fürchten und europäischen Zusagen weniger vertrauen. Deutschland laviert dazwischen.
Ungarn unter Orbán und die Slowakei unter Fico verfolgen einen prorussischen Kurs und blockieren EU-Beschlüsse zur Ukraine. Italiens Meloni schwankt zwischen europäischer Solidarität und nationalistischen Reflexen. Rechtsextreme Parteien gewinnen überall an Einfluss und stellen die EU grundsätzlich in Frage. Die Einheit, die 2022 nach dem Ukraine-Schock entstand, bröckelt.
Die größte Gefahr für Europa ist nicht Russland oder China. Es ist die eigene Unfähigkeit, gemeinsam zu handeln. Die Institutionen sind vorhanden, das Geld ist vorhanden, die Bedrohung ist klar. Was fehlt, ist der politische Wille, nationale Egoismen zu überwinden. Das frustriert. Es ist keine technische Frage, sondern eine Frage der Führung.
Fazit und Ausblick
Europa steht am Scheideweg. Die amerikanische Sicherheitsgarantie, auf die sich der Kontinent 75 Jahre verlassen hat, ist nicht mehr verlässlich. Die Bedrohung durch Russland ist real und wächst. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit China werden zur strategischen Verwundbarkeit. Einfache Antworten gibt es nicht.
Die Reaktion ist beeindruckend. Auf dem Papier. Hunderte Milliarden Euro für Aufrüstung, historische Budgetsteigerungen, neue Institutionen. Aber Papier und Realität sind verschiedene Dinge. Europa muss nicht nur mehr ausgeben, sondern auch besser, koordinierter, schneller. Und es muss politisch zusammenhalten, was bisher nur teilweise gelingt.
Die unbequeme Wahrheit: Europa wird in den kommenden Jahren verwundbarer sein, nicht sicherer. Die Aufrüstung braucht Zeit, die Bedrohung wächst schneller. Diese Übergangsphase ist gefährlich. Wer jetzt die falschen Prioritäten setzt, wer auf Einheit verzichtet, wer die Augen vor der Realität verschließt, zahlt später einen hohen Preis. Möglicherweise in Menschenleben.
Ich bin vorsichtig optimistisch, aber nur vorsichtig. Die Grönland-Krise hat gezeigt, dass Europa handeln kann, wenn es muss. Die Geschwindigkeit der deutschen Kehrtwende überrascht mich positiv. Aber ich sehe auch die Risse: Orbán blockiert, Italien wankt, die AfD wächst. Ob Europa die nötige Einheit aufbringt, bevor es zu spät ist, bleibt offen. Die nächsten drei Jahre werden darüber entscheiden.
Im letzten Teil dieser Serie entwickle ich Szenarien für die Zukunft: Wie könnte die Welt 2030 aussehen? Multipolarität, Fragmentierung, neuer Kalter Krieg? Und was bedeutet das für uns in Deutschland und Europa?
Quellen
- European Union Institute for Security Studies: Low trust – Navigating transatlantic relations under Trump 2.0
- TIME: How Europe Can Find Its Strength in 2026
- Al Jazeera: Can Europe break with Trump?, 21. Januar 2026
- Carnegie Endowment: Can the EU Overcome Divisions on Defense?, April 2025
- Carnegie Endowment: A Blueprint for a European Defense Force, März 2025
- EU Council: EU Defence in Numbers, aktualisiert Januar 2026
- Euronews: Can Europe's military spending revive economic growth?, Januar 2026
- Defense News: EU sets military spending record, September 2025
- Goldman Sachs: The Future of European Defense
- Foreign Affairs: Can Germany Afford to Be Europe's Protector?, Januar 2026
- Atlantic Council: Germany wants to double its defense spending
- Modern Diplomacy: Merz Urges Europe to Assert Itself, Dezember 2025
- Munich Security Conference: Don't Dodge Dilemmas – German Leadership in European Defense
- IP Quarterly: The Post-Atlantic Chancellor
- German Marshall Fund: Watching China in Europe, Januar 2026
- Stiftung Wissenschaft und Politik: Europe and the End of Pax Americana
- GZERO Media: Top Risks 2026 – Ian Bremmer