Die Gegenspieler: China, Russland und die BRICS
Im Oktober 2024 empfing Wladimir Putin Staatsgäste aus aller Welt in Kazan, der Hauptstadt der russischen Republik Tatarstan. Trotz internationalem Haftbefehl, trotz Sanktionen, trotz drei Jahren Krieg gegen die Ukraine war Russland nicht isoliert. Die Gäste kamen aus China, Indien, Brasilien, Südafrika, Iran, den Emiraten, Ägypten, Äthiopien und Dutzenden weiteren Ländern. Es war der größte diplomatische Gipfel, den Russland seit Beginn der Invasion ausgerichtet hatte.
Der Anlass war das Treffen der BRICS-Staaten, einer Gruppe, die 2009 als loses Forum von Schwellenländern begann und sich seither zur wichtigsten Stimme des Globalen Südens entwickelt hat. In Kazan wuchs die Gruppe weiter. 13 Länder erhielten Partnerstatus. Mit den Beitritten von Indonesien im Januar 2025 und Saudi-Arabien im Juli 2025 umfasst die Gruppe mittlerweile elf Vollmitglieder. Die erweiterten BRICS repräsentieren nun über die Hälfte der Weltbevölkerung und über 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung nach Kaufkraftparität.
Die westliche Ordnung zerfällt, aber was kommt danach? China, Russland und ihre Partner beanspruchen, eine Alternative zu bieten: multipolar, nicht an westliche Werte gebunden, respektvoll gegenüber Souveränität und skeptisch gegenüber Einmischung. Die Rhetorik klingt verlockend für viele im Globalen Süden. Die Realität ist komplizierter.
Die BRICS: Vom Akronym zur Bewegung
Der Begriff BRIC wurde 2001 von Jim O'Neill erfunden, einem Ökonomen bei Goldman Sachs. Er beschrieb damit vier Schwellenländer mit hohem Wachstumspotenzial: Brasilien, Russland, Indien, China. 2010 kam Südafrika hinzu, das I wurde zum S. Anfangs war BRICS eine Investmentkategorie, kein politisches Projekt. Das änderte sich.
2024 traten Ägypten, Äthiopien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate bei. Argentinien lehnte unter seinem neuen Präsidenten Javier Milei ab. Im Januar 2025 wurde Indonesien das zehnte Mitglied, im Juli 2025 folgte Saudi-Arabien als elftes. Beim Gipfel in Kazan erhielten 13 Länder Partnerstatus: Algerien, Belarus, Bolivien, Kuba, Indonesien (vor dem Vollbeitritt), Kasachstan, Malaysia, Nigeria, Thailand, Türkei, Uganda, Usbekistan und Vietnam.
Die Zahlen sind beeindruckend. Die erweiterten BRICS umfassen etwa 3,9 Milliarden Menschen, knapp die Hälfte der Menschheit. Ihr kombiniertes Bruttoinlandsprodukt nach Kaufkraftparität liegt bei über 40 Prozent des Weltgesamten. Sie produzieren einen Großteil der globalen Rohstoffe: Öl, Gas, Getreide, Mineralien. Als Wirtschaftsblock sind die BRICS gewichtiger als die G7.
Was sie eint, ist die Ablehnung westlicher Dominanz. Die USA und Europa, so das Narrativ, haben die internationale Ordnung zu ihren Gunsten gestaltet. IWF und Weltbank sind westlich kontrolliert. Der Dollar als Reservewährung gibt Amerika unfairen Vorteil. Sanktionen werden als Waffe eingesetzt. Die BRICS wollen eine Alternative, bei der sie selbst mehr Einfluss haben.
Was sie trennt, ist fast alles andere. China und Indien liefern sich einen jahrzehntealten Grenzkonflikt und konkurrieren um die Führung im Globalen Süden. Brasiliens Lula und Indiens Modi haben unterschiedliche Weltanschauungen. Saudi-Arabien und Iran waren bis vor kurzem verfeindet. Die Emirate und Äthiopien haben wenig gemein außer dem Wunsch, nicht vom Westen abhängig zu sein. Meine Einschätzung: Die BRICS sind ein Zweckbündnis ohne Fundament. Sie funktionieren als Protestbewegung, aber nicht als Bauherren einer neuen Ordnung.
China: Der eigentliche Herausforderer
Wenn die alte Ordnung einen Nachfolger hat, dann China. Keine andere Macht kombiniert wirtschaftliche Stärke, technologische Fähigkeiten und strategische Ambition in vergleichbarem Maße. Die Belt and Road Initiative, Pekings Infrastrukturoffensive, ist das größte Entwicklungsprojekt der Geschichte. Die Zahlen für 2025 erreichten Rekordwerte.
Laut dem Green Finance and Development Center flossen 2025 insgesamt 213,5 Milliarden Dollar in Belt-and-Road-Projekte: 128,4 Milliarden in Bauverträge, 85,2 Milliarden in Investitionen. Das ist ein Plus von über 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein im ersten Halbjahr 2025 wurden 66 Milliarden Dollar an Bauverträgen und 57 Milliarden an Investitionen abgeschlossen, der höchste Halbjahreswert seit Beginn der Initiative 2013.
Kumuliert hat China fast 1,4 Billionen Dollar in über 150 Ländern investiert. Die Schwerpunkte verschieben sich: Afrika und Zentralasien haben Südostasien als wichtigste Zielregionen abgelöst. Kasachstan, Thailand und Ägypten zogen 2025 die meisten Mittel an. Der Fokus liegt zunehmend auf grüner Energie: Solarparks, Windanlagen, Wasserkraft. Im ersten Halbjahr 2025 flossen 9,7 Milliarden Dollar in saubere Energieprojekte, ein Rekord.
Trumps Zölle und die Zerstörung von USAID haben Chinas Position gestärkt. Länder im Globalen Süden, die auf amerikanische Hilfe angewiesen waren, wenden sich an Peking. China reagiert schnell und ohne die Konditionalität, die westliche Geber oft verlangen. Keine Forderungen nach Demokratie, Menschenrechten oder Umweltstandards. Nur Geschäft.
Die Kehrseite: Schuldenfallen. Sri Lanka musste 2017 seinen Hafen Hambantota für 99 Jahre an China verpachten, weil es die Kredite nicht bedienen konnte. Sambia, Pakistan, Laos kämpfen mit ähnlichen Problemen. China ist kein selbstloser Entwicklungshelfer, sondern ein strategischer Investor, der Abhängigkeiten schafft. Das ist nicht besser als der alte westliche Kolonialismus, nur anders verpackt.
Ist Russland nur noch Juniorpartner?
Russlands Rolle in der neuen Ordnung ist paradox. Moskau sieht sich als Großmacht, als einer der Pole der multipolaren Welt. In Wahrheit ist Russland wirtschaftlich ein Zwerg. Sein Bruttoinlandsprodukt entspricht etwa dem von Italien, bei dreimal so vielen Einwohnern. Ohne Öl und Gas hätte es wenig zu bieten.
Der Krieg gegen die Ukraine hat Russland China ausgeliefert. Als westliche Sanktionen griffen, blieb Peking der wichtigste Abnehmer für russische Rohstoffe. Nach dem Rekordjahr 2024 mit 245 Milliarden Dollar fiel der bilaterale Handel 2025 erstmals wieder: auf geschätzte 218 bis 234 Milliarden Dollar. Niedrigere Ölpreise und chinesische Zölle auf russische Fahrzeuge bremsten das Wachstum. Dennoch unterzeichnete Gazprom im September 2025 eine Absichtserklärung für Power of Siberia 2, eine neue Pipeline, die bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich von der Jamal-Halbinsel nach China transportieren soll.
Die gemeinsame Erklärung von Xi Jinping und Putin vom Mai 2025 spricht von der höchsten Stufe in der Geschichte der bilateralen Beziehungen. Beide Seiten verpflichteten sich, gemeinsam gegen die amerikanische Politik der doppelten Eindämmung vorzugehen. Die Zusammenarbeit erstreckt sich auf Militär, Technologie, Finanzen. China liefert zwar keine Waffen direkt, aber Dual-Use-Güter, die Russlands Kriegswirtschaft am Laufen halten.
Dennoch ist die Partnerschaft asymmetrisch. China diktiert. Russland akzeptiert. Die Rhetorik von Gleichheit und gegenseitigem Respekt verschleiert, dass Moskau zum Juniorpartner geworden ist. Putins Traum von einem eigenständigen russischen Pol in der multipolaren Welt? Eine Illusion. Russland ist nicht Pol, sondern Satellit.
Kann der Dollar gestürzt werden?
Die Dedollarisierung ist das große Thema der BRICS-Rhetorik. Der Dollar als Weltreservewährung gibt den USA unfaire Vorteile: Sie können Schulden in eigener Währung aufnehmen, Sanktionen als Waffe einsetzen, ihre Geldpolitik der Welt aufzwingen. Eine Alternative würde diese Hegemonie brechen.
Fortschritte gibt es. Beim Gipfel in Kazan wurde ein BRICS-Unit angekündigt, eine Art Verrechnungseinheit, gestützt auf 40 Prozent Gold und 60 Prozent BRICS-Währungen. Ein Pilotprogramm startete am 31. Oktober 2025. BRICS Pay, ein blockchain-basiertes Zahlungssystem als Alternative zu SWIFT, wird getestet. Chinas Cross-Border Interbank Payment System CIPS hat mittlerweile über 1.700 Teilnehmer in 124 Ländern.
Die Realität ist ernüchternder. Beim BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro im Juli 2025 gab es keine konkreten Fortschritte zur Dedollarisierung. Die Abschlusserklärung erwähnte weder eine gemeinsame Währung noch eine koordinierte Strategie. Indiens Außenminister Jaishankar sagte im März 2025 unmissverständlich: Der Dollar als Reservewährung ist die Quelle internationaler wirtschaftlicher Stabilität, und genau das braucht die Welt gerade.
China selbst sieht keinen Bedarf für eine BRICS-Währung. Peking arbeitet daran, den Yuan internationaler zu machen, nicht ihn durch eine Gemeinschaftswährung zu ersetzen. Trumps Drohung, 100-Prozent-Zölle auf BRICS-Exporte zu erheben, falls sie den Dollar umgehen, hat die Enthusiasten zusätzlich abgeschreckt. Indonesien und Südafrika distanzierten sich eilig von Dedollarisierungsplänen.
Die Geschichte lehrt, dass Reservewährungen wechseln können. Das britische Pfund dominierte bis Mitte des 20. Jahrhunderts. 1948 hatte es doppelt so hohe Reserveanteile wie der Dollar, 1969 war das Verhältnis umgekehrt. Aber solche Verschiebungen dauern Jahrzehnte, nicht Jahre. Der Dollar wird noch lange dominieren, auch wenn sein Anteil schrumpft. Paradoxerweise könnte das dem Westen sogar helfen: Ein weniger dominanter Dollar würde den USA weniger Spielraum für Sanktionen geben, aber auch weniger Verantwortung für die globale Liquidität aufbürden.
Was wollen die Gegenspieler wirklich?
Multipolarität ist das Schlagwort. Aber was bedeutet es? Alexander Dugin, der russische Ideologe, spricht von einem grundlegenden Systemwechsel: weg von der unipolaren Hegemonie der USA, hin zu einer Welt mit mehreren gleichberechtigten Machtzentren. Die BRICS wären eines davon, zusammen mit den USA, Europa, vielleicht Indien.
China hat eine konkretere Vision. Die Belt and Road Initiative ist nicht nur Infrastruktur, sondern Netzwerkbildung. Peking will im Zentrum eines Systems stehen, das es selbst definiert: Handel, Technologie, Standards, Regeln. Nicht Multipolarität im Sinne von Gleichgewicht, sondern eine neue Hierarchie mit China an der Spitze.
Die kleineren BRICS-Mitglieder wollen etwas anderes: strategische Autonomie. Brasilien, Indien, Südafrika, Indonesien sind keine anti-westlichen Staaten. Sie wollen Optionen, nicht Blöcke. Sie wollen mit China handeln, ohne sich Beijing unterzuordnen. Mit den USA kooperieren, ohne Washingtons Sanktionen übernehmen zu müssen. Die BRICS sind für sie ein Instrument, keine Weltanschauung.
Das ist die Schwäche der Gegenspieler: Sie bieten keine kohärente Alternative. China will Hegemonie unter anderem Namen. Russland will Chaos, weil es von Instabilität profitiert. Indien will nicht zu China gehören. Brasilien will mit allen gut auskommen. Die BRICS sind eine Protestbewegung, kein Architekt. Das halte ich für ihr größtes Defizit. Wer nur gegen etwas ist, baut nichts Neues.
Fazit und Ausblick
Die Gegenspieler des Westens sind real und werden stärker. China investiert Milliarden in Infrastruktur und Einfluss. Russland destabilisiert, wo es kann. Die BRICS expandieren und artikulieren die Frustration des Globalen Südens über westliche Doppelstandards. Das alles ist keine Einbildung und kein Alarmismus.
Aber die Gegenspieler bieten keine bessere Ordnung. Chinas Modell bedeutet wirtschaftliche Entwicklung ohne politische Freiheit. Russlands Modell bedeutet Autokratie und Aggression. Die BRICS haben keine gemeinsame Vision, nur gemeinsame Ablehnung. Eine Welt, in der sie dominieren, wäre nicht gerechter, nur anders ungerecht.
Das Dilemma für den Westen: Die eigene Ordnung verteidigen, obwohl ihr stärkster Garant sie aufgibt. Die Alternative akzeptieren, obwohl sie keine echte Alternative ist. Oder etwas Neues erfinden, was bisher niemandem gelungen ist. Leichte Antworten gibt es nicht. Für Deutschland ist das besonders unbequem. Die Bundesrepublik hat jahrzehntelang beide Seiten bedient: Sicherheit von den USA, Geschäfte mit China. Diese Strategie funktioniert nicht mehr.
Im nächsten Teil analysiere ich Europas Position: zwischen einem Amerika, das sich abwendet, und Gegnern, die Schwäche wittern. Was kann Europa tun? Was muss es tun? Und reicht die Zeit?
Quellen
- Council on Foreign Relations: What Is the BRICS Group and Why Is It Expanding?
- Carnegie Endowment: BRICS Expansion and the Future of World Order, März 2025
- Statista: BRICS Expansion Map
- World Economic Forum: BRICS – Here's what to know about the international bloc
- Green Finance & Development Center: China BRI Investment Report 2025
- Green Finance & Development Center: China BRI Investment Report 2025 H1
- Bloomberg: Russia-China de facto Alliance – Why Putin and Xi Are So Close, September 2025
- Council on Foreign Relations: China and Russia – Exploring Ties Between Two Authoritarian Powers
- Global Times: Russia-China ties crucial for global stability – Putin, Dezember 2025
- Ministry of Foreign Affairs PRC: Xi Jinping and Vladimir Putin Joint Statement, Mai 2025
- Lowy Institute: A reality check for BRICS and the lofty dedollarisation agenda
- Chicago Policy Review: BRICS and the Shift Away from Dollar Dependence, Oktober 2025
- Watcher Guru: BRICS De-Dollarization Agenda For 2026 Advances
- Munich Security Conference: MSR 2025 – Introduction Multipolarization
- Modern Diplomacy: The Multipolar Moment, Januar 2026