Szenarien für 2030: Wohin steuert die Welt?
Am 5. Januar 2026 präsentierte Ian Bremmer, Gründer der Eurasia Group, die jährliche Liste der Top-Risiken. Das erste Risiko: die politische Revolution in den USA selbst. Das zweite, Overpowered, beschreibt Chinas Dominanz bei den definierenden Technologien des 21. Jahrhunderts: Batterien, Motoren, Leistungselektronik. Ein Satz blieb hängen: Die Vereinigten Staaten demontieren ihre eigene globale Ordnung. In unseren Lebzeiten haben wir keinen amerikanischen Präsidenten erlebt, der so entschlossen und so fähig ist, das politische System zu verändern.
Die alte Ordnung stirbt, aber was kommt danach? Die Frage beschäftigt Think Tanks, Geheimdienste und Regierungen weltweit. Die Antworten variieren, aber einige Szenarien tauchen immer wieder auf: Multipolarität, in der mehrere Machtzentren koexistieren. Fragmentierung, in der Blöcke zerfallen und jeder für sich kämpft. Neue Bipolarität, ein Kalter Krieg 2.0 zwischen USA und China. Oder eine reformierte Ordnung, falls die Institutionen sich anpassen können.
Keines dieser Szenarien ist Schicksal. Die Zukunft wird gestaltet, von Entscheidungen, die jetzt getroffen werden. Dieser Artikel analysiert die Möglichkeiten, bewertet ihre Wahrscheinlichkeit und fragt, was sie für Deutschland und Europa bedeuten würden. Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, wie der Aphorismus sagt. Aber informierte Spekulation ist besser als Blindflug.
Was passiert, wenn niemand führen will?
Ian Bremmer prägte 2011 den Begriff G-Zero für eine Welt, in der keine Macht bereit oder fähig ist, globale Führung zu übernehmen. Nicht G7, nicht G20, sondern G-Zero: ein Vakuum an der Spitze. Die USA ziehen sich zurück, China will nicht führen, Europa kann nicht, und niemand sonst hat die Kapazität. Die Institutionen existieren noch, aber sie funktionieren nicht mehr.
Dieses Szenario entfaltet sich gerade. Trump demonstriert, dass Amerika keine Lust mehr hat, für andere zu zahlen oder Regeln einzuhalten. China bietet Infrastruktur und Kredite, aber keine Sicherheitsgarantien und keine universellen Werte. Die EU ist nach innen gerichtet, mit Krisen beschäftigt, strukturell unfähig, schnell und entschlossen zu handeln. Die UN sind blockiert, IWF und Weltbank marginalisiert. Das ist kein Übergang, sondern ein Vakuum.
Eine G-Zero-Welt ist nicht friedlich. Ohne Ordnungsmacht eskalieren regionale Konflikte. Rüstungswettläufe intensivieren sich. Handel wird durch Zölle und Sanktionen behindert. Gemeinsame Probleme wie Klimawandel und Pandemien bleiben ungelöst, weil niemand die Kooperation organisiert. Die globale Wirtschaft wächst langsamer, Wohlstand verteilt sich ungleicher.
Das Risiko dieses Szenarios liegt in der Instabilität. Ordnung, auch unvollkommene, ist besser als Chaos. Ohne klare Regeln und deren Durchsetzung kehrt das Recht des Stärkeren zurück. Kleine und mittlere Staaten verlieren Schutz. Konflikte werden mit Gewalt ausgetragen statt verhandelt. Die Geschichte vor 1945 zeigt, wohin das führt.
Multipolarität: Gleichgewicht der Mächte
Das optimistischere Szenario: mehrere Machtzentren balancieren sich gegenseitig aus. USA, China, EU, vielleicht Indien bilden Pole, die kooperieren, wo es nützt, und konkurrieren, wo es unvermeidlich ist. Keine Hegemonie, aber auch kein Chaos. Regeln entstehen durch Verhandlung, nicht durch Diktat. Die BRICS und G7 ergänzen sich statt sich zu bekämpfen.
Das Modell hat historische Vorbilder. Das europäische Mächtekonzert des 19. Jahrhunderts verhinderte fast hundert Jahre lang Großmachtkriege. Fünf Mächte, Großbritannien, Frankreich, Österreich, Preußen, Russland, hielten sich gegenseitig in Schach. Das System war undemokratisch und unterdrückte Nationalismen, aber es war stabil, bis es im Ersten Weltkrieg kollabierte.
Die Herausforderung liegt in der Koordination. Multipolarität funktioniert, wenn die Pole gemeinsame Interessen erkennen und Mechanismen entwickeln, um Konflikte zu regeln. Das erfordert Kommunikation, Vertrauen, institutionelle Kanäle. Genau das fehlt derzeit. USA und China reden kaum miteinander. Russland ist Paria. Die EU redet viel, handelt wenig.
Ich halte dieses Szenario für unwahrscheinlich in reiner Form. Die Voraussetzungen sind nicht gegeben. Die Mächte misstrauen einander zu sehr, ihre Interessen divergieren zu stark, die Institutionen sind zu schwach. Multipolarität ohne Regeln wird zu Fragmentierung, Multipolarität mit Regeln erfordert einen Grad an Kooperation, den ich derzeit nicht sehe.
Neue Bipolarität: USA gegen China
Ein anderes Szenario: Die Welt spaltet sich in zwei Lager, angeführt von USA und China. Nicht identisch mit dem Kalten Krieg, weil die Blöcke wirtschaftlich verflochtener sind und keine ideologischen Weltanschauungen vertreten. Aber strukturell ähnlich: zwei Supermächte, die um Einfluss konkurrieren, und alle anderen müssen sich entscheiden.
Die Tendenz ist erkennbar. Die USA versuchen, China technologisch einzudämmen: Exportverbote für Halbleiter, Sanktionen gegen Huawei und andere Firmen, Druck auf Verbündete, amerikanischen Regeln zu folgen. China baut parallele Strukturen auf: eigene Lieferketten, eigene Technologiestandards, eigene Finanzinfrastruktur. Die Entkopplung schreitet voran, langsam, aber stetig.
Für Europa wäre dieses Szenario besonders schwierig. Die EU ist sicherheitspolitisch auf die USA angewiesen, wirtschaftlich auf China. Ein Dilemma ohne elegante Lösung. Sich für eine Seite entscheiden zu müssen, würde Kosten verursachen, egal welche gewählt wird. Die Versuche, eine dritte Position zu definieren, strategische Autonomie genannt, sind bisher nicht überzeugend.
Das Risiko dieses Szenarios ist Eskalation. Bipolare Systeme können stabil sein, wenn beide Seiten die Regeln akzeptieren. Der Kalte Krieg blieb kalt, weil nukleare Abschreckung beide Seiten disziplinierte. Aber Stabilität ist nicht garantiert. Fehlkalkulationen, Zwischenfälle, Proxy-Kriege können eskalieren. Taiwan ist das offensichtlichste Risiko, aber nicht das einzige.
Droht eine Welt ohne Regeln?
Das pessimistischste Szenario. Die internationale Ordnung zerfällt vollständig. Keine stabilen Blöcke, keine funktionierenden Institutionen, kein Rahmen für Kooperation. Regionale Mächte verfolgen ihre Interessen ohne Rücksicht auf andere. Konflikte multiplizieren sich. Handel wird durch Zölle und Sanktionen erstickt. Globale Probleme bleiben ungelöst.
Die CSIS Risk and Foresight Group entwarf 2020 vier Szenarien für 2025-2030. Im schlimmsten Fall fragmentiert die Welt in konkurrierende Blöcke ohne übergreifende Ordnung. Die USA ziehen sich zurück, China übernimmt Teile Asiens, Russland destabilisiert Europa, regionale Kriege häufen sich. Der Welthandel bricht ein, die globale Wirtschaft schrumpft, Hunderte Millionen Menschen fallen zurück in Armut.
Elemente dieses Szenarios sind bereits Realität. Der Ukraine-Krieg hat Europa destabilisiert. Trumps Zölle behindern den Handel. Die UN sind handlungsunfähig. Klimaverhandlungen stagnieren. Die Entwicklungshilfe kollabiert. Jeder Trend für sich wäre besorgniserregend, zusammen bilden sie ein Muster.
Ich halte vollständige Fragmentierung für weniger wahrscheinlich als partielle. Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind zu dicht, als dass alle Verbindungen gekappt würden. Selbst in den schlimmsten Szenarien bleibt ein Kern von Handels- und Finanzbeziehungen bestehen. Aber der Trend geht in die falsche Richtung, und ohne Kurskorrektur könnte Fragmentierung zur neuen Normalität werden.
Reformierte Institutionen: Kann die UN überleben?
Das konstruktivste Szenario: Die bestehenden Institutionen passen sich an. Die UN reformieren den Sicherheitsrat, um aufstrebende Mächte wie Indien und Brasilien einzubeziehen. IWF und Weltbank geben den Schwellenländern mehr Gewicht. Neue Regeln entstehen für Cybersicherheit, Klimaschutz, Künstliche Intelligenz. Die Ordnung erneuert sich von innen.
Die Hindernisse sind bekannt. Die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats werden ihr Veto nicht aufgeben. Die USA unter Trump haben kein Interesse an multilateraler Reform. China will keine Regeln, die seine Handlungsfreiheit einschränken. Russland profitiert von Instabilität. Die Interessen divergieren zu stark, um Konsens zu finden.
Teilreformen sind dennoch möglich. Regionale Arrangements können globale Lücken füllen. Die EU baut eigene Verteidigungsfähigkeiten auf. Asiatische Länder vertiefen wirtschaftliche Kooperation unabhängig von den USA. Technische Standards werden in plurilateralen Foren ausgehandelt. Nicht ideal, aber besser als nichts.
Ich erwarte, dass dieses Szenario teilweise eintritt. Die Institutionen werden nicht kollabieren, aber auch nicht florieren. Sie werden überleben, in geschwächter Form, ergänzt durch regionale und thematische Arrangements. Ein Flickenteppich statt eines kohärenten Systems. Funktional, aber unschön und ineffizient.
Welches Szenario ist am wahrscheinlichsten?
Die Welt wird 2030 wahrscheinlich keinem dieser Szenarien in Reinform entsprechen. Realität ist komplexer als Modelle. Aber Modelle helfen, Trends zu verstehen und Entwicklungen einzuordnen. Auf Basis meiner Analyse halte ich folgende Kombination für plausibel.
Erstens: partielle Fragmentierung. Die globale Ordnung wird schwächer, regionale Arrangements gewinnen an Bedeutung. Handel und Finanzströme bleiben bestehen, aber mit mehr Hindernissen. Die UN funktionieren noch, aber ohne Durchsetzungskraft. Ein Abstieg, keine Katastrophe.
Zweitens: wachsende Bipolarität. USA und China konkurrieren um Einfluss, besonders in Asien und Afrika. Technologisch und wirtschaftlich entkoppeln sie sich weiter. Andere Mächte navigieren zwischen den Blöcken, ohne sich vollständig festzulegen. Europa versucht, eine dritte Position zu halten, mit begrenztem Erfolg.
Drittens: erhöhte Konfliktgefahr. Der Ukraine-Krieg endet irgendwann, aber die Spannungen bleiben. Taiwan ist ein permanentes Risiko. Regionale Konflikte im Nahen Osten, in Afrika, in Südasien können eskalieren. Die Wahrscheinlichkeit eines Großmachtkriegs ist höher als zu jedem Zeitpunkt seit dem Kalten Krieg.
Für Deutschland und Europa bedeutet das: Unsicherheit als Dauerzustand. Die transatlantische Allianz wird nicht wiederkehren, jedenfalls nicht in der gewohnten Form. Europäische Handlungsfähigkeit ist keine Option, sondern Notwendigkeit. Die Aufrüstung muss weitergehen, die Kooperation muss sich vertiefen, die Abhängigkeiten müssen sinken. Wer darauf hofft, dass alles beim Alten bleibt, wird enttäuscht werden. Das kostet Geld, Energie und politisches Kapital. Aber die Alternative ist schlimmer.
Fazit: Was bleibt
Die internationale Ordnung, die nach 1945 entstand, war unvollkommen, aber sie funktionierte. Sie bot Stabilität, förderte Handel, verhinderte Großmachtkriege. Diese Ordnung zerfällt jetzt. Nicht weil Feinde sie zerstören, sondern weil ihr Architekt sie aufgibt. Die USA unter Trump haben entschieden, dass die Kosten der Aufrechterhaltung den Nutzen übersteigen. Das ist eine historische Wende.
Die Gegenspieler bieten keine bessere Alternative. China will Hegemonie unter anderem Namen. Russland will Chaos. Die BRICS haben keine gemeinsame Vision. Eine Welt unter ihrer Führung wäre nicht gerechter, nur anders ungerecht. Das sollte niemanden verleiten, das alte System zu idealisieren. Aber es sollte auch niemanden verleiten, das neue zu unterschätzen.
Europa steht vor der größten Herausforderung seiner Nachkriegsgeschichte. Die Sicherheitsgarantie, auf die es sich verlassen hat, existiert nicht mehr. Die Bedrohung durch Russland wächst. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit China werden zur Verwundbarkeit. Die EU muss handlungsfähig werden, schneller und entschlossener als je zuvor.
Ich bin nicht optimistisch, aber auch nicht hoffnungslos. Krisen können mobilisieren. Die Grönland-Krise hat Europa zusammengeschweißt, zumindest vorübergehend. Die Aufrüstung läuft, wenn auch zu langsam. Deutschland übernimmt Verantwortung, wenn auch widerwillig. Das sind keine Erfolgsgarantien, aber es sind Ansätze.
Die Zukunft ist nicht vorbestimmt. Sie wird gestaltet, durch Entscheidungen, die wir treffen oder nicht treffen. In einer Welt ohne klare Führung zählt jede Stimme, jede Wahl, jede Initiative. Das ist beängstigend, aber auch ermächtigend. Die alte Ordnung stirbt. Was danach kommt, liegt auch an uns.
Quellen
- Eurasia Group: Top Risks 2026, Januar 2026
- GZERO Media: The biggest geopolitical risks of 2026 revealed, 5. Januar 2026
- Axios: Ian Bremmer – U.S. ending own global order, Januar 2026
- CSIS: Four Scenarios for Geopolitical Order in 2025-2030
- Atlantic Council: Welcome to 2030 – Three visions of what the world could look like
- Centre for International Governance Innovation: From Pax Americana to Pax Multipolaris
- Munich Security Conference: MSR 2025 – Introduction Multipolarization
- Council on Foreign Relations: Perspectives on a Changing World Order
- Chatham House: Competing Visions of International Order, März 2025
- TIME: Top 10 Global Risks 2026
- Stimson Center: Top Ten Global Risks for 2026
- World Economic Forum: Global Risks Report 2026
- Modern Diplomacy: The Multipolar Moment, Januar 2026
- Texas National Security Review: A New World Order? Careful What You Wish For, Dezember 2025
- Atlantic Council: Western options in a multipolar world