Trumps Revolution: Wie Amerika seine eigene Ordnung demontiert

Am 20. Januar 2025 legte Donald Trump zum zweiten Mal den Amtseid ab. Seine Antrittsrede war eine Kampfansage. America First würde nicht nur ein Slogan sein, sondern Regierungsprogramm. Die Institutionen, die Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatte, bezeichnete er als Fesseln. Die Verbündeten, die sich darauf verlassen hatten, als Trittbrettfahrer. Noch am selben Tag unterzeichnete er die ersten Executive Orders.

Ein Jahr später lässt sich Bilanz ziehen. Trump hat die amerikanische Außenpolitik stärker verändert als jeder Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg. Nicht graduell, nicht reformerisch, sondern radikal. Die regelbasierte internationale Ordnung, die Washington 80 Jahre lang aufgebaut und verteidigt hat, wird von innen heraus demontiert. Die Eurasia Group, einer der führenden geopolitischen Beratungsfirmen, hat dafür einen Begriff: US political revolution.

Dieser Artikel dokumentiert, was geschehen ist: die Austritte aus internationalen Organisationen, die Zerstörung der Entwicklungshilfe, die Invasion Venezuelas, die Grönland-Krise. Die Fakten sind erschreckend genug. Sie brauchen keine Übertreibung.

66 Organisationen verlassen: Die große Abkehr

Am 7. Januar 2026 veröffentlichte das Weiße Haus eine Liste. Sie enthielt 66 internationale Organisationen und Verträge, aus denen die USA austreten würden. Die Begründung: Sie seien redundant, misswirtschaftet, unnötig, verschwenderisch, schlecht geführt, von Akteuren mit konträren Interessen gekapert oder eine Bedrohung für Amerikas Souveränität, Freiheit und Wohlstand. Die Pauschalität des Urteils sprach Bände.

Die prominentesten Namen auf der Liste: die Weltgesundheitsorganisation WHO, das Pariser Klimaabkommen, der UN-Menschenrechtsrat, UNESCO, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNRWA. Dazu kamen 35 Organisationen außerhalb des UN-Systems, darunter das Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC, das Internationale Institut für Demokratie und Wahlhilfe, die Internationale Union für Naturschutz.

Der Austritt aus der WHO trat am 22. Januar 2026 in Kraft, genau ein Jahr nach der Anordnung. Die USA hatten 2024 und 2025 etwa 261 Millionen Dollar beigetragen, rund 18 Prozent des WHO-Budgets. Dieses Geld fehlt jetzt für Impfkampagnen, Seuchenbekämpfung, Gesundheitsprogramme in Entwicklungsländern. Die nächste Pandemie wird teurer werden, für alle.

Das Pariser Klimaabkommen wurde zum zweiten Mal gekündigt. Trump hatte es bereits 2017 verlassen, Biden war 2021 wieder beigetreten, nun das Aus. Diesmal geht Trump weiter: Er hat auch den Austritt aus der UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel angekündigt, einem völkerrechtlichen Vertrag, den der US-Senat 1992 ratifiziert hatte. Die rechtliche Grundlage dafür ist umstritten, aber wer soll ihn daran hindern?

Multilateralismus bedeutet Kompromisse. Kompromisse sind für Trump Schwäche. So einfach ist die Logik. Warum soll Amerika Regeln folgen, an deren Erstellung andere mitgewirkt haben? Warum soll Amerika zahlen, damit andere profitieren? Dass Amerika selbst am meisten profitiert hat, interessiert die Administration nicht. Fakten stören nur die Erzählung.

Wie viele Menschen sterben für America First?

Die Zahlen sind abstrakt, bis man sie übersetzt. Über 750.000 Tote. So viele Menschen sind nach Modellrechnungen der Boston University und des Center for Global Development bis Januar 2026 gestorben, weil die Trump-Administration die Entwicklungshilfe zerschlagen hat. Davon über 500.000 Kinder. 88 Menschen pro Stunde, seit Trump am 20. Januar 2025 Executive Order 14169 unterzeichnete.

USAID, die amerikanische Entwicklungshilfeagentur, verwaltete 2023 über 40 Milliarden Dollar an Mitteln. Das klingt nach viel, war aber weniger als ein Prozent des Bundeshaushalts. Dafür lieferte USAID Medikamente gegen HIV, Tuberkulose und Malaria. Impfstoffe. Nahrungsmittelhilfe. Sauberes Trinkwasser. Programme gegen sexuelle Gewalt.

83 Prozent dieser Programme wurden eingestellt. Die Agentur selbst faktisch aufgelöst, Tausende Mitarbeiter entlassen. In Uganda und Tansania bekommen HIV-Patienten ihre Medikamente nicht mehr. In der Demokratischen Republik Kongo haben Flüchtlinge keinen Zugang zu sauberem Wasser, die Cholera-Fälle stiegen 2025 um 62 Prozent. In Guatemala wurden Programme für Überlebende sexueller Gewalt gestrichen. In Haiti Gesundheitsdienste für Vergewaltigungsopfer, auch für Kinder.

Eine Studie im Lancet prognostiziert 14 Millionen zusätzliche Todesfälle bis 2030, falls die Kürzungen bestehen bleiben. Das Center for Global Development rechnet mit 1,6 Millionen vermeidbaren Toten pro Jahr: 1,1 Millionen durch den Zusammenbruch der globalen Gesundheitsprogramme, 490.000 durch fehlende humanitäre Hilfe und Nahrungsmittelhilfe.

Die Begründung der Administration: Verschwendung und Ineffizienz. Unabhängige Prüfungen kamen zu anderen Ergebnissen. USAID-Programme galten als effektiv, die Verwaltungskosten als niedrig. Aber Fakten spielen keine Rolle, wenn die Entscheidung ideologisch motiviert ist. Entwicklungshilfe ist für diese Administration kein Werkzeug amerikanischer Interessen, sondern ein Symbol für alles, was sie verachtet: Internationalismus, Großzügigkeit, die Illusion, dass Amerika für andere verantwortlich sei.

Operation Absolute Resolve: Der erste Krieg

Kurz nach zwei Uhr morgens am 3. Januar 2026 begann der Angriff. Amerikanische Kampfflugzeuge bombardierten Luftabwehrstellungen im Norden Venezuelas. Gleichzeitig landeten Spezialeinheiten bei Maduros Komplex in Caracas. Mehr als 100 Menschen starben bei dem Angriff. Maduro und seine Frau Cilia Flores wurden festgenommen und nach New York geflogen.

Die größte amerikanische Militärpräsenz in der Karibik seit der Invasion Panamas 1989: über 10.000 Soldaten, 6.000 Matrosen, ein Flugzeugträger. Operation Absolute Resolve, wie das Pentagon die Aktion nannte. Am 5. Januar erschien Maduro vor einem Bundesgericht in Manhattan und plädierte auf nicht schuldig. Die Anklage: Drogenhandel. Die eigentliche Motivation hatte Trump selbst ausgeplaudert: Öl.

Völkerrechtlich war die Operation eindeutig illegal. Professor Janina Dill von der Universität Oxford formulierte es unmissverständlich: Sie verletzt eine der fundamentalsten Normen des Völkerrechts, das Gewaltverbot in Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta. Die Administration berief sich auf die inhärente Verfassungsautorität des Präsidenten. Eine Begründung, die kein internationales Gericht akzeptieren würde.

Wenige Tage später verkündete Washington einen Ölliefervertrag mit der verbliebenen venezolanischen Regierung: 50 Millionen Barrel, 300 Millionen Dollar Anzahlung bereits überwiesen. Die Rhetorik von Rechtsstaatlichkeit und Drogenbekämpfung war Fassade. Es ging um Ressourcen und Machtdemonstration. Die Monroe-Doktrin von 1823, die lateinamerikanische als amerikanischen Hinterhof definierte, ist zurück. Manche nennen sie bereits Donroe-Doktrin.

Die Präzedenzwirkung beunruhigt Experten. Professor Sultan Barakat argumentiert, dass die Venezuela-Aktion China ermutigen könnte, ähnlich in Taiwan vorzugehen. Wenn der selbsternannte Hüter der regelbasierten Ordnung sie offen bricht, warum sollten andere sie respektieren? Die Antwort lautet: Sie werden es nicht.

Warum droht Amerika seinen Verbündeten mit Krieg?

Grönland ist ein autonomes Territorium Dänemarks, bewohnt von 56.000 Menschen. Trump will es kaufen. Als Dänemark ablehnte, drohte er mit Zöllen. Als das nicht reichte, mit einer Invasion. Er ordnete das Joint Special Operations Command an, Pläne für eine mögliche Invasion zu erstellen. Der Vereinigte Generalstab soll Widerstand geleistet haben.

Die Eskalation im Januar 2026 brachte die NATO an den Rand des Zusammenbruchs. Trump kündigte Zölle von zunächst 10 Prozent, später 25 Prozent auf Importe aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Finnland an. Der Grund: Diese Länder hatten im Rahmen von Operation Arctic Endurance Truppen nach Grönland entsandt, um es gegen amerikanische Übergriffe zu schützen.

Dänemark, ein NATO-Mitglied seit 1949, ein Land, das Soldaten nach Afghanistan und in den Irak geschickt hatte, um an der Seite der USA zu kämpfen, drohte mit der Auslösung von Artikel 5, falls Amerika angreifen sollte. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius erklärte, eine Invasion wäre das Ende der NATO. Frankreichs Präsident Macron nannte die Drohungen fundamental inakzeptabel. Selbst der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson bezeichnete Trumps Vorgehen als völlig unangemessen.

Am 21. Januar 2026 lenkte Trump ein. Nach Gesprächen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte kündigte er an, auf militärische Gewalt zu verzichten und die Zölle auszusetzen. Von einem Rahmen für einen zukünftigen Deal war die Rede. Grönländische Politiker dementierten umgehend: Es werde kein Abkommen geben. Es werde nicht passieren, dass die Vereinigten Staaten Grönland besitzen.

Die Krise ist vorläufig entschärft, aber der Schaden bleibt. NATO-Verbündete mussten erleben, dass Washington bereit ist, sie mit Krieg zu drohen. Das Vertrauen, das Bündnisse zusammenhält, ist schwer zu reparieren. In einem YouGov-Poll vom Januar 2026 unterstützten nur acht Prozent der Amerikaner eine Invasion. Die Mehrheit ist gegen solche Alleingänge. Aber die Mehrheit regiert nicht.

Was unterscheidet Trump 2.0 von Trump 1.0?

Kritiker warnen seit Jahren vor Trump. Warum ist es diesmal anders? Die Antwort liegt in den Strukturen. Während der ersten Amtszeit 2017 bis 2021 bremsten Institutionen die radikalsten Impulse. Verteidigungsminister James Mattis weigerte sich, aus Syrien abzuziehen. Nationale Sicherheitsberater widersprachen. Stabschefs filterten Anweisungen. Die Bürokratie sabotierte oder verzögerte Befehle, die sie für gefährlich hielt.

Diese Leitplanken existieren nicht mehr. Alle weg. Die Regierung besteht aus Loyalisten, die Trump persönlich verpflichtet sind. Die Behörden wurden gesäubert, missliebige Beamte entlassen oder versetzt. Der Kongress, kontrolliert von Republikanern, die um ihre Wiederwahl fürchten, stellt keine ernsthaften Forderungen. Die Gerichte sind nach sechs Jahren systematischer Besetzung mit konservativen Richtern zahm. Checks and Balances? Nur noch Rhetorik.

Project 2025, der 900-Seiten-Plan der Heritage Foundation, wird umgesetzt. Entmachtung unabhängiger Behörden, Kontrolle der Exekutive durch den Präsidenten, Abbau des administrativen Staates. Was früher als Verschwörungstheorie galt, ist Regierungspolitik. JD Vance, der Vizepräsident, verkündete auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025, Europa untergrabe die Demokratie und verrate fundamentale Werte. Das war keine Panne. Es war Programm.

Die National Security Strategy der zweiten Trump-Administration warnt vor civilizational erasure in Europa. Die Rhetorik ist apokalyptisch, die Implikationen klar: Europa ist nicht mehr Verbündeter, sondern Problem. Die transatlantische Partnerschaft, so Ian Bremmer, hat aufgehört zu existieren. Nicht als dramatische Ankündigung, sondern als schleichende Realität, die 2026 nicht mehr zu leugnen war.

Fazit und Ausblick

Die Bilanz nach einem Jahr Trump 2.0 ist verheerend. 66 internationale Organisationen verlassen oder Austritt angekündigt. Eine Entwicklungshilfeagentur zerstört, mit Hunderttausenden Toten als Folge. Ein souveräner Staat überfallen, sein Präsident entführt. Ein NATO-Verbündeter mit Invasion bedroht. Das sind keine Ausrutscher. Das ist Strategie. Das Erschreckende: Ein erheblicher Teil der amerikanischen Bevölkerung unterstützt diesen Kurs. Trumps Zustimmungswerte sind stabil. Das hier ist nicht der Wahn eines Einzelnen. Es ist ein Mandat.

Die Eurasia Group hat recht: Das hier ist eine politische Revolution. Nicht im Sinne eines Umsturzes von unten, sondern eines Systemumbaus von oben. Trump verändert nicht die Spielregeln, er verlässt das Spiel. Die internationale Ordnung, die Amerika aufgebaut hat, war immer auch ein Werkzeug amerikanischer Interessen. Aber sie war mehr als das. Sie bot Stabilität, Vorhersehbarkeit, einen Rahmen für Kooperation. All das wird gerade zerschlagen.

Wer profitiert? Kurzfristig vielleicht amerikanische Unternehmen, die Zölle als Schutz verstehen. Langfristig niemand, auch Amerika nicht. Eine Welt ohne Regeln ist eine Welt, in der Macht allein entscheidet. Die USA sind noch die stärkste Macht, aber sie werden es nicht ewig bleiben. Wenn die Regeln fallen, zahlen später alle den Preis. Meine Einschätzung: Für Deutschland bedeutet das eine fundamentale Neuorientierung. Die Bundesrepublik hat 80 Jahre lang auf Amerika gesetzt. Diese Wette ist geplatzt.

Im nächsten Teil dieser Serie analysiere ich die Gegenspieler: China, Russland, die BRICS. Was wollen sie? Was können sie? Und bieten sie eine Alternative zur amerikanischen Ordnung, oder nur Chaos unter neuem Management?

Quellen

  1. Eurasia Group: Top Risks 2026, Januar 2026
  2. Eurasia Group: US Political Revolution – Top Risk #1 of 2026
  3. White House: Fact Sheet – Withdrawal from International Organizations, 7. Januar 2026
  4. White House: Executive Order 14199, 4. Februar 2025
  5. Al Jazeera: Which are the 66 global organisations the US is leaving under Trump?, 8. Januar 2026
  6. NPR: U.S. to exit 66 international organizations, 7. Januar 2026
  7. Boston University School of Public Health: USAID Shutdown Deaths Tracking, Januar 2026
  8. Center for Global Development: Update on Lives Lost from USAID Cuts, Januar 2026
  9. The Lancet: Global Health Impact of US Aid Cuts, Juli 2025
  10. Oxfam: What USAID did, and the effects of Trump's cuts
  11. Wikipedia: 2026 United States intervention in Venezuela
  12. University of Oxford: Expert Comment on Venezuela Operation, 7. Januar 2026
  13. Council on Foreign Relations: A Guide to Trump's Second-Term Military Strikes
  14. Lawfare: Explaining Trump's Oil Grab, Januar 2026
  15. Wikipedia: Greenland crisis
  16. Fortune: Trump seems to be changing his mind on Greenland, 21. Januar 2026
  17. Washington Post: Trump's Greenland crusade pushes European allies to a breaking point, 21. Januar 2026
  18. NPR: European leaders warn Trump's Greenland tariffs threaten dangerous downward spiral, 18. Januar 2026
  19. TIME: How Europe Can Find Its Strength in 2026
  20. GZERO Media: The biggest geopolitical risks of 2026 revealed, 5. Januar 2026