Die neue Weltordnung: Was Sie wissen müssen

Am 3. Januar 2026, kurz nach zwei Uhr nachts Ortszeit, explodierten die ersten amerikanischen Raketen über Caracas. Innerhalb von Stunden hatten US-Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro aus seinem Palast geholt und in ein Flugzeug nach New York verfrachtet. Operation Absolute Resolve, wie das Pentagon den Angriff nannte, war die erste offene militärische Invasion der USA in einem souveränen Staat seit dem Irak 2003. Die Begründung: Maduro sei ein Drogenhändler. Die eigentliche Motivation: Öl. Präsident Trump hatte sie selbst ausgeplaudert.

Vier Tage später verkündete das Weiße Haus den Austritt aus 66 internationalen Organisationen. WHO, Pariser Klimaabkommen, UN-Menschenrechtsrat, das Intergovernmental Panel on Climate Change: allesamt gestrichen. Noch bevor der Januar zur Hälfte vorbei war, hatte Trump mit Zöllen gedroht, falls Dänemark Grönland nicht abtrete, und eine mögliche Invasion des NATO-Verbündeten ins Spiel gebracht. Acht europäische Regierungschefs veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Drohungen als Angriff auf die transatlantische Allianz verurteilten.

Was hier passiert, ist mehr als erratische Außenpolitik eines unberechenbaren Präsidenten. Es ist das Ende einer Ära. Die regelbasierte internationale Ordnung, die 1944 in Bretton Woods begann und 80 Jahre lang das Fundament der Weltpolitik bildete, zerfällt. Nicht weil externe Feinde sie zerstören. Sondern weil ihr Architekt und Garant sie aufgibt. Die USA demontieren die Ordnung, die sie selbst geschaffen haben. Aktiv. Systematisch. Und ohne erkennbares Zögern.

Dieser Überblick fasst zusammen, was gerade geschieht: Wie die alte Ordnung funktionierte und warum sie stirbt. Wer die Gegenspieler sind und was sie wollen. Wo Europa steht. Und was das alles für Deutschland bedeutet. Die ausführliche Analyse folgt in den weiteren Teilen dieser Serie.

Die regelbasierte Ordnung seit 1944

Im Juli 1944 trafen sich Delegierte aus 44 Nationen im Mount Washington Hotel in Bretton Woods, New Hampshire. Der Zweite Weltkrieg tobte noch, aber die Alliierten planten bereits die Nachkriegsordnung. Das Ziel: Nie wieder sollte wirtschaftliches Chaos in Krieg münden wie in den 1930er-Jahren. Das Ergebnis waren der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und ein System fester Wechselkurse mit dem Dollar als Ankerwährung.

Ein Jahr später folgten die Vereinten Nationen mit dem Gewaltverbot in Artikel 2 der Charta. 1947 kam das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT, Vorläufer der Welthandelsorganisation. 1949 gründeten zwölf Staaten die NATO mit dem berühmten Artikel 5: Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle. Diese Institutionen bildeten das Gerüst dessen, was später als Pax Americana oder liberale internationale Ordnung bekannt wurde.

Das System war von Anfang an asymmetrisch. Die USA kontrollierten zwei Drittel der weltweiten Goldreserven und bestanden darauf, dass der Dollar neben Gold als Reservewährung diente. Bei IWF und Weltbank besaßen sie Vetorecht. Die Regeln galten für alle, aber manche konnten sie brechen ohne Konsequenzen zu fürchten. Die Invasion des Irak 2003 ohne UN-Mandat war das prominenteste Beispiel.

Trotz dieser Widersprüche funktionierte das System. Erstaunlich gut sogar. Es bot Stabilität, förderte Handel, verhinderte Großmachtkriege. Die Zahl der zwischenstaatlichen Kriege sank nach 1945 auf ein historisches Tief. Der Welthandel wuchs von 58 Milliarden Dollar 1948 auf über 25 Billionen Dollar 2024. Eine Vervierhundertfachung. Die Ordnung war ungerecht, aber sie war besser als das Chaos davor. Deutlich besser.

Warum zerstört der Architekt sein eigenes Werk?

Die Eurasia Group, einer der einflussreichsten geopolitischen Beratungsfirmen weltweit, hat für 2026 einen ungewöhnlichen Risikofaktor auf Platz eins gesetzt: die politische Revolution in den USA selbst. Ian Bremmer, Gründer der Firma, formuliert es so: Die Vereinigten Staaten entrollen ihre eigene globale Ordnung. In unseren Lebzeiten haben wir keinen amerikanischen Präsidenten erlebt, der so entschlossen und so fähig ist, das politische System zu verändern.

Die Bilanz nach einem Jahr Trump 2.0 spricht für sich. 66 internationale Organisationen verlassen oder Austritt angekündigt. Die Entwicklungshilfeagentur USAID faktisch zerschlagen, 86 Prozent der Programme eingestellt. Die Konsequenzen sind tödlich: Nach Modellrechnungen der Boston University und des Center for Global Development sind bereits über 750.000 Menschen gestorben, weil Medikamente, Impfungen und Nahrungsmittelhilfe ausblieben. Eine Lancet-Studie prognostiziert 14 Millionen zusätzliche Todesfälle bis 2030, falls die Kürzungen bestehen bleiben.

Venezuela war der erste Krieg dieser Präsidentschaft, aber vermutlich nicht der letzte. Die neue Doktrin, die manche bereits Donroe-Doktrin nennen (ein Wortspiel aus Trump und Monroe), beansprucht die westliche Hemisphäre als amerikanischen Hinterhof. Grönland, der Panamakanal, Kanada: Alles steht zur Disposition. Was früher undenkbar schien, ist zur Verhandlungsmasse geworden.

Der Unterschied zu Trumps erster Amtszeit ist fundamental. 2017 bis 2021 bremsten Institutionen, Berater und Bürokratie die radikalsten Impulse. Diese Leitplanken existieren nicht mehr. Die Regierung besteht aus Loyalisten, die Behörden wurden gesäubert, der Kongress kuscht. Project 2025, die Blaupause der Heritage Foundation, wird umgesetzt. Wer noch immer hofft, dass sich Trump von selbst mäßigt oder das System ihn einbremst, hat die letzten zwölf Monate nicht aufgepasst. Das hier ist keine Kurskorrektur. Es ist ein Systemwechsel.

Die Gegenspieler: China, Russland und die BRICS

Im Oktober 2024 trafen sich die Staatschefs der BRICS-Staaten im russischen Kazan. Aus den ursprünglich fünf Gründungsmitgliedern (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) sind inzwischen elf geworden: Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate kamen hinzu. Zehn weitere Länder erhielten Partnerstatus. Die erweiterten BRICS repräsentieren nun 56 Prozent der Weltbevölkerung und 44 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts nach Kaufkraftparität.

China treibt die Expansion voran. Die Belt and Road Initiative, Pekings gigantisches Infrastrukturprogramm, erreichte 2025 Rekordwerte: 213,5 Milliarden Dollar flossen in Bauprojekte und Investitionen, ein Plus von 75 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr als 150 Länder haben sich angeschlossen. Kumuliert hat China seit 2013 über 1,3 Billionen Dollar in die Initiative gesteckt.

Russland und China haben ihre Partnerschaft vertieft. Die gemeinsame Erklärung vom Mai 2025 spricht von der höchsten Stufe in der Geschichte der bilateralen Beziehungen. Der Handel erreichte 2024 fast 245 Milliarden Dollar, ging 2025 allerdings auf etwa 228 Milliarden zurück. Eine neue Pipeline soll russisches Gas aus Westsibirien nach China bringen. Militärisch kooperieren beide Länder mit Nordkorea und Iran, um Russlands Krieg in der Ukraine zu unterstützen.

Die Dedollarisierung bleibt allerdings mehr Rhetorik als Realität. Ein BRICS-Unit wurde zwar angekündigt, doch beim Gipfel in Rio de Janeiro im Juli 2025 gab es keine konkreten Fortschritte. Indien lehnt ab, China sieht keinen Bedarf für eine gemeinsame Währung, wenn der Yuan internationaler wird. Die Koalition eint die Ablehnung westlicher Dominanz, aber keine gemeinsame Vision. Das ist ihre größte Schwäche. Wer glaubt, die BRICS könnten kurzfristig eine Alternative zum Dollar bieten, unterschätzt die Interessenkonflikte innerhalb der Gruppe.

Europa zwischen Abhängigkeit und Aufrüstung

Am 19. Januar 2026 veröffentlichten die Regierungschefs von Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Großbritannien eine gemeinsame Erklärung. Sie verurteilten Trumps Grönland-Drohungen und warnten vor einer gefährlichen Abwärtsspirale in den transatlantischen Beziehungen. Dass NATO-Verbündete sich öffentlich gegen die USA stellen müssen, sagt alles über den Zustand des Bündnisses.

Die Abhängigkeit ist enorm. Zwischen 2020 und 2024 kamen 64 Prozent aller europäischen Waffenimporte aus den USA. 57 Prozent des Flüssiggases, das Europa 2025 importierte, stammten aus Amerika. Ohne amerikanische Kommandostrukturen können europäische Streitkräfte keine größeren multinationalen Operationen führen. Das Pentagon hat den Europäern bereits mitgeteilt, dass sie bis 2027 große Teile der NATO-Verteidigungsplanung selbst übernehmen sollen.

Europa reagiert mit dem größten Aufrüstungsprogramm seit dem Kalten Krieg. Der Rearm Europe Plan soll bis 2029 800 Milliarden Euro mobilisieren. Deutschland hat mit der Abschaffung der Schuldenbremse für Verteidigung und einem 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds die größte fiskalische Wende seit der Wiedervereinigung eingeleitet. Das Verteidigungsbudget für 2026 liegt bei 108 Milliarden Euro, Kanzler Merz spricht von der stärksten europäischen Armee.

Die Frage ist, ob das reicht. Deutsche und dänische Geheimdienste schätzen, dass Russland sechs Monate bis zwei Jahre nach einem Waffenstillstand in der Ukraine in der Lage sein könnte, einen NATO-Nachbarn anzugreifen. Moskaus Verteidigungsausgaben übersteigen bereits die aller europäischen Länder zusammen, gemessen an Kaufkraftparität. Europa hat Geld, aber keine Zeit. Und einen blinden Fleck: Selbst die ambitionierteste Aufrüstung ändert nichts daran, dass Europa auf absehbare Zeit von amerikanischer Technologie abhängig bleibt. F-35-Kampfjets, Patriot-Raketen, Aufklärungssatelliten. Ohne US-Hardware keine europäische Verteidigung.

Was bedeutet das für Deutschland?

Keine guten Optionen. Das ist die Kurzfassung für Deutschland. Die Sicherheitsgarantie der USA, auf die sich die Bundesrepublik seit 1949 verlassen hat, ist nicht mehr verlässlich. Die wirtschaftliche Verflechtung mit China, Deutschlands wichtigstem Handelspartner, wird zur strategischen Verwundbarkeit, wenn sich die Blöcke verhärten. Und die Aufrüstung kostet Geld, das für andere Prioritäten fehlt. Ein dreifaches Dilemma.

Kanzler Merz hat richtig erkannt, dass Deutschland eine Führungsrolle übernehmen muss. Die historischen Investitionen in Bundeswehr und Infrastruktur sind notwendig. Aber Geld allein löst das Problem nicht. Es fehlen Soldaten, Munition, Kommandostrukturen, vor allem aber: Zeit. Die Bedrohung wächst schneller als die europäische Verteidigungsfähigkeit.

Die unbequeme Wahrheit: Deutschland und Europa werden in den kommenden Jahren verwundbarer sein, nicht sicherer. Die alte Ordnung stirbt, bevor die neue geboren ist. In dieser Übergangsphase zählt jede Entscheidung doppelt. Wer jetzt die falschen Prioritäten setzt, zahlt später einen hohen Preis.

Empfehlungen

Für Unternehmen

Lieferketten diversifizieren. Die Abhängigkeit von einzelnen Ländern oder Regionen wird zum Geschäftsrisiko. Wer kritische Komponenten nur aus China bezieht, sollte Alternativen aufbauen, solange das noch möglich ist. Die Kosten dafür sind geringer als die Kosten einer plötzlichen Unterbrechung.

Sanktionsrisiken ernst nehmen. Die geopolitische Fragmentierung bedeutet, dass Geschäfte, die heute legal sind, morgen verboten sein können. Compliance-Abteilungen müssen Szenarien durchspielen und Notfallpläne entwickeln.

Währungsrisiken absichern. Die Dedollarisierung mag langsam verlaufen, aber sie verläuft. Unternehmen sollten prüfen, welche Transaktionen in anderen Währungen abgewickelt werden können und ob Absicherungen gegen Wechselkursschwankungen sinnvoll sind.

Für Bürger

Informiert bleiben. Die Veränderungen sind zu groß und zu schnell, um sie zu ignorieren. Seriöse Nachrichtenquellen, Hintergrundanalysen und der Blick über den nationalen Tellerrand helfen, die Entwicklungen einzuordnen.

Resilienz aufbauen. Niemand kann die Zukunft vorhersagen, aber jeder kann sich auf Unsicherheit vorbereiten. Finanzielle Rücklagen, diversifizierte Anlagen und praktische Fähigkeiten erhöhen die persönliche Widerstandsfähigkeit.

Demokratie verteidigen. Die größte Bedrohung für die liberale Ordnung kommt nicht von außen, sondern von innen. Wählen gehen, sich informieren, Manipulation erkennen: Das sind keine abstrakten Pflichten, sondern konkrete Beiträge zur Stabilität unserer Gesellschaft.

Fazit

Die internationale Ordnung der Nachkriegszeit ist vorbei. Das bedeutet nicht, dass morgen Krieg ausbricht oder die Weltwirtschaft kollabiert. Aber es bedeutet, dass die Spielregeln sich ändern, dass alte Sicherheiten wegfallen und neue Risiken entstehen. Wer das ignoriert, wird von den Entwicklungen überrollt.

Die fünf Kernerkenntnisse: Die regelbasierte Ordnung seit 1944 war unvollkommen, aber funktional. Die USA unter Trump demontieren aktiv das System, das sie selbst geschaffen haben. China, Russland und die BRICS bieten eine Alternative an, die auf Ablehnung des Westens basiert, aber keine kohärente Vision hat. Europa rüstet auf, aber die Zeit drängt. Deutschland steht vor schwierigen Entscheidungen ohne gute Optionen.

Die kommenden Jahre werden turbulent. Aber Turbulenz ist nicht das Ende der Geschichte. Neue Ordnungen entstehen, wenn alte vergehen. Die Frage ist nur, wer sie gestaltet und nach welchen Prinzipien. Meine Einschätzung: Europa hat bessere Karten, als viele glauben. Aber nur, wenn es sie jetzt ausspielt. Zögern wird bestraft. Darauf haben wir Einfluss, wenn wir ihn nutzen.

Die ausführliche Analyse folgt in den weiteren Teilen dieser Serie: Teil 1 beschreibt die Geschichte der regelbasierten Ordnung. Teil 2 analysiert Trumps Außenpolitik. Teil 3 untersucht die Gegenspieler. Teil 4 behandelt Europas Situation. Teil 5 entwirft Szenarien für 2030.

Quellen

  1. Eurasia Group: Top Risks 2026, Januar 2026
  2. White House: Fact Sheet – Withdrawal from International Organizations, 7. Januar 2026
  3. Boston University School of Public Health: USAID Shutdown Deaths Tracking (Impact Counter), Januar 2026
  4. The Lancet: Global Health Impact of US Aid Cuts, Juli 2025
  5. Center for Global Development: Update on Lives Lost from USAID Cuts, Januar 2026
  6. University of Oxford: Expert Comment on Venezuela Operation, 7. Januar 2026
  7. Council on Foreign Relations: What Is BRICS?, aktualisiert Januar 2026
  8. Geopolitical Economy Report: BRICS expands to 56% of world population, Juli 2025
  9. Green Finance & Development Center: China BRI Investment Report 2025
  10. SIPRI: Trends in International Arms Transfers 2024, März 2025
  11. IEEFA: European LNG Tracker, 2025
  12. EU Council: EU Defence in Numbers, aktualisiert Januar 2026
  13. Overt Defense: Germany's 2026 Defense Budget, August 2025
  14. Al Jazeera: European leaders slam Trump's tariff threats over Greenland, 19. Januar 2026
  15. GZERO Media: Top Risks 2026 with Ian Bremmer, 5. Januar 2026
  16. Federal Reserve History: Creation of the Bretton Woods System
  17. NATO: Collective Defence and Article 5