100 Millionen Dollar und die Entstehung einer Startup-Nation
Israel, 1993. Die Regierung legt 100 Millionen Dollar auf den Tisch und gründet damit zehn private Venture-Capital-Fonds. Das Programm heißt Yozma, hebräisch für Initiative. Sieben Jahre später sind die VC-Investitionen im Land von 58 Millionen auf 3,3 Milliarden Dollar gestiegen. Ein 60-facher Anstieg. Heute zählt Israel laut Innovation Authority rund 40 aktive Unicorns und Centaurs, also Unternehmen mit Bewertungen über einer Milliarde Dollar oder Umsätzen über hundert Millionen. Das Land gibt 6,33 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus. Weltweit Platz eins.
Deutschland liegt bei 3,11 Prozent. Auf den ersten Blick kein schlechter Wert. Auf den zweiten Blick halb so viel wie Israel, bei einer 30-mal größeren Volkswirtschaft. Und trotzdem sind die Ergebnisse nicht annähernd vergleichbar. Deutschland hat kein einziges Tech-Unternehmen in den globalen Top 20. Israel hat Wiz, einen Cybersecurity-Anbieter, den Google nach einer 23-Milliarden-Absage 2024 im März 2025 erneut übernahm, für nun 32 Milliarden Dollar. Die EU gab im Februar 2026 grünes Licht, der Deal wurde am 11. März 2026 abgeschlossen. Der durchschnittliche Exit israelischer Startups liegt bei 317 Millionen Dollar.
Dieser fünfte und letzte Teil der Serie fragt, warum das so ist. Was haben Israel, Dänemark und die Schweiz gemeinsam, das Deutschland fehlt? Und warum gelingt es der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt nicht, ein Ökosystem für Innovation zu schaffen, das mit kleinen Ländern mithalten kann?
Das Yozma-Programm: Wie 100 Millionen Dollar eine Industrie schufen
Der Mechanismus war elegant in seiner Einfachheit. Die israelische Regierung investierte in zehn private Venture-Capital-Fonds. Jeder Fonds musste einen ausländischen VC-Partner und eine israelische Bank als Mitinvestoren gewinnen. Der Staat hielt 40 Prozent der Anteile. Die privaten Partner konnten nach fünf Jahren die staatlichen Anteile zu einem festgelegten Preis zurückkaufen. Das war der entscheidende Anreiz.
Fast alle Buyout-Optionen wurden gezogen. Die Fonds privatisierten sich vollständig. Der Staat verdiente Geld und zog sich zurück. Was blieb, war eine funktionierende VC-Industrie, die vorher nicht existiert hatte. 1991 lagen die VC-Investitionen in Israel bei 58 Millionen Dollar. Bis 2000 waren es 3,3 Milliarden. Ein Wachstum um den Faktor 60 in weniger als einem Jahrzehnt.
Israel hat mit 100 Millionen Dollar eine ganze Startup-Industrie erschaffen. Deutschland gibt rund 250 Millionen Euro pro Jahr für SPRIND aus und wundert sich, warum nichts passiert. Der Haushalt 2026 bis 2028 sieht sogar eine Absenkung auf 220 Millionen Euro vor. Das Budget ist rund 17-mal kleiner als das der US-Forschungsagentur DARPA. Aber das Budget allein erklärt den Unterschied nicht. Yozma hatte ein Prinzip, das über reine Förderung hinausging: Der Staat schuf den Markt und verschwand dann. Kein permanentes Förderprogramm, kein Bürokratieapparat, keine Dauersubvention.
Die nächste Generation ist bereits am Start. Yozma 2.0, aufgelegt zwischen 2024 und 2026, investiert rund eine Milliarde Dollar pro Jahr. Auf jeden staatlichen Dollar kommen 30 Cent vom Staat. Der Rest ist privates Kapital. Heute hat Israel 3.973 aktive Startups und eine Innovationsökonomie, die sich selbst trägt.
Ein Faktor lässt sich allerdings nicht kopieren. Unit 8200, Israels militärische Cyber-Eliteeinheit, bildet seit Jahrzehnten die besten Softwareentwickler des Landes aus. Zwischen 90 und 95 Prozent aller Gründer im israelischen Cybersecurity-Sektor haben dort gedient. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den kein Förderprogramm der Welt ersetzen kann. Aber er erklärt nicht alles. Denn ohne Yozma hätten die Absolventen von Unit 8200 kein Kapital gefunden.
Warum erfindet DARPA das Internet und SPRIND nicht?
Die Defense Advanced Research Projects Agency hat mit einem Jahresbudget von 4,5 Milliarden Dollar eine bemerkenswerte Liste von Erfindungen hervorgebracht. Das Internet. GPS. Stealth-Technologie. Selbstfahrende Autos. Spracherkennung. mRNA-Impfstoffe. Keine andere staatliche Forschungsagentur der Welt kann eine vergleichbare Bilanz vorweisen.
Das Kernprinzip lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Totale Autonomie für Programm-Manager. Bei DARPA sind die sogenannten PMs gleichzeitig CEO, COO, CTO und CFO ihres Programms. Sie entscheiden allein, welche Projekte gefördert werden, können Gelder umschichten oder entziehen, ohne einen Ausschuss fragen zu müssen. Volle Budgetkontrolle, keine Gremien, keine Beiratssitzungen.
Der zweite Schlüssel ist die Rotation. Nach vier Jahren gehen die PMs. Keine Verlängerung, keine Ausnahme. Neue Köpfe bringen frische Perspektiven, andere Netzwerke, unverbrauchte Ideen. DARPA hat rund 100 PMs gleichzeitig. Jeder ist ein Ein-Personen-Forschungsförderer mit der Freiheit, Risiken einzugehen, die kein normaler Bürokratie-Apparat jemals genehmigen würde.
Deutschlands Antwort heißt SPRIND, die Bundesagentur für Sprunginnovationen. Das Budget liegt aktuell bei rund 250 Millionen Euro pro Jahr, für 2026 bis 2028 sind laut Bundeshaushalt 220 Millionen Euro vorgesehen. Etwa 17-mal weniger als DARPA. Von über 2.000 geprüften Projekten wurden rund 163 finanziert, 21 erhielten eine Großfinanzierung. Die externe Evaluation von Fraunhofer ISI und Technopolis, abgeschlossen Ende 2024, fiel positiv aus: Die Agentur spiele eine wichtige Rolle in der deutschen Innovationslandschaft. Aber die Autonomie der Programm-Manager ist eingeschränkt, die Rotation nicht klar definiert, die politische Unabhängigkeit fragwürdig.
SPRIND hat ein doppeltes Handicap: zu wenig Geld und zu wenig Freiheit. Beides hängt zusammen. Wer 250 Millionen vergibt, muss jeden Euro rechtfertigen. Wer 4,5 Milliarden hat, kann riskante Wetten eingehen und trotzdem genug Treffer landen. Der erste Schritt wäre, SPRIND auf mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr aufzustocken und den Programm-Managern echte Autonomie nach DARPA-Vorbild zu geben. Inklusive Vier-Jahre-Rotation.
Dänemarks goldenes Dreieck: Flexicurity statt Kündigungsschutz
Dänemark kennt keinen gesetzlichen Kündigungsschutz im deutschen Sinn. Die Regelungen stecken fast vollständig in kollektiven Tarifverträgen, der OECD-Index für Kündigungsschutz liegt bei 1,5. Deutschland rangiert deutlich höher. Trotzdem sind dänische Arbeitnehmer zufriedener, und die Arbeitslosenquote lag zum Jahreswechsel 2025/26 bei 2,6 Prozent, laut Statistik Dänemark auf dem höchsten Stand seit November 2024, aber immer noch weit unter dem EU-Durchschnitt. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht.
Das Modell heißt Flexicurity und besteht aus drei Elementen, die zusammen das „goldene Dreieck“ bilden. Erstens: leichtes Einstellen und Entlassen. Unternehmen können Mitarbeiter schnell kündigen, wenn die wirtschaftliche Lage es erfordert. Zweitens: ein starkes soziales Netz. Arbeitslose erhalten über die A-kasse bis zu zwei Jahre lang Arbeitslosengeld, das einen großen Teil des vorherigen Einkommens ersetzt. Drittens: aktive Arbeitsmarktpolitik. Dänemark gibt zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Umschulung, Weiterbildung und Beratung aus. Der höchste Wert aller OECD-Länder.
Das Prinzip heißt „Rights and Duties“. Rechte und Pflichten. Wer Arbeitslosengeld bezieht, muss aktiv nach Arbeit suchen, an Umschulungen teilnehmen und zumutbare Jobangebote annehmen. Im Gegenzug bekommt jeder die Unterstützung, die er braucht: Sprachkurse, Bewerbungstraining, Qualifizierungsprogramme. Der Staat investiert in die Beschäftigungsfähigkeit seiner Bürger, nicht in den Schutz einzelner Arbeitsplätze.
Dänemark hat weniger Kündigungsschutz als Deutschland und trotzdem zufriedenere Arbeitnehmer. Der Trick: Wer schnell entlassen wird, wird auch schnell wieder eingestellt. Die hohe Jobmobilität trägt kein Stigma. In Deutschland bedeutet eine Kündigung oft einen Karriereknick. In Dänemark ist sie ein normaler Teil des Berufslebens.
In Deutschland klingt „Hire and Fire“ nach amerikanischen Verhältnissen. Aber Dänemark ist nicht die USA. Es ist ein skandinavischer Sozialstaat mit hohen Steuern, starken Gewerkschaften und einem Sozialnetz, das dichter gewebt ist als das deutsche. Die Kombination aus Flexibilität und Sicherheit widerlegt das Argument, man könne nur das eine oder das andere haben. Man kann beides haben. Man muss es nur wollen.
Warum investieren deutsche Pensionsfonds nicht in Startups?
Die Zahlen sind grotesk. In den USA fließen rund 800 Dollar pro Kopf in Venture Capital. In Großbritannien sind es etwa 500 Dollar. In Deutschland: 100 Dollar. Das allein wäre schon ein Problem. Aber es kommt schlimmer.
US-amerikanische Pensionsfonds stellen 27 Prozent der gesamten VC-Investorenbasis. In Großbritannien investieren DC-Pensionsfonds gerade einmal 0,5 Prozent in Venture Capital. Deutschland? Weniger als ein Prozent. Und hier beginnt die eigentliche Absurdität: US-Pensionsfonds stellen 15 Prozent des Kapitals in deutschen VC-Fonds. Amerikanische Rentenkassen investieren mehr in deutsche Startups als deutsche.
Deutsche Pensionsfonds investieren weniger als ein Prozent in Venture Capital. US-Pensionsfonds investieren mehr in deutsche Startups als deutsche. Das ist kein Marktversagen. Das ist reguliertes Versagen. Die strenge Anlageverordnung, ein konservativer Anlageansatz und die Angst vor Haftungsrisiken lassen kaum Spielraum für Beteiligungen an jungen Unternehmen.
Es bewegt sich etwas. Die im November 2024 gestartete WIN-Initiative will bis 2030 rund 12 Milliarden Euro für Startups und Wachstumskapital mobilisieren, koordiniert durch die KfW. Trotzdem stagniert der deutsche VC-Markt. 2025 flossen laut KfW-Research 7,2 Milliarden Euro in deutsche Startups, nach 7,5 Milliarden 2024 und 7,1 Milliarden 2023. Sideways movement, wie es in den Berichten heißt. Die Anlageverordnung wurde 2025 geändert und das Risikobudget für Versicherer von 35 auf 40 Prozent erhöht.
Fünf Prozentpunkte. Bei einem Pensionskapital von hunderten Milliarden Euro klingt das nach viel. In der Praxis bedeutet es, dass ein konservativer Fondsmanager jetzt theoretisch ein bisschen mehr in alternative Anlagen stecken darf, es aber vermutlich trotzdem nicht tut. Solange die Haftungsrisiken bestehen bleiben und Venture Capital als „riskant“ gilt statt als notwendig, wird sich wenig ändern.
Die Schweiz: 15 Mal Innovationsweltmeister, und niemand fragt warum
Der Global Innovation Index der Weltorganisation für geistiges Eigentum kürt jedes Jahr das erfinderischste Land der Welt. Die Schweiz hat den Titel 2025 zum 15. Mal in Folge gewonnen. Fünfzehn Jahre ununterbrochene Spitzenposition. Das ist kein Zufall, kein statistischer Ausreißer, kein Messfehler.
Die Grundlagen sind bekannt. Die ETH Zürich und die EPFL gehören zu den fünf besten technischen Hochschulen Europas. Die Schweiz hat die höchste Dichte an Top-500-Universitäten pro Kopf weltweit. 70 Prozent der Jugendlichen absolvieren eine Berufslehre im dualen System. Der Anteil von Forschung und Entwicklung am BIP liegt bei 3,22 Prozent, davon zwei Drittel privatfinanziert.
Weniger bekannt ist der kantonale Steuerwettbewerb. 26 Kantone konkurrieren um Unternehmen, indem sie Steuersätze, Infrastruktur und Verwaltungsqualität als Standortfaktoren einsetzen. Was in Deutschland als „Steuerdumping“ gebrandmarkt würde, funktioniert in der Schweiz als Effizienzmotor. Kantone, die schlecht verwalten oder zu viel besteuern, verlieren Unternehmen an die Nachbarn. Das erzeugt Reformdruck von unten.
Und dann ist da die direkte Demokratie. Volksabstimmungen erzwingen Konsens, bevor eine Reform beschlossen wird. Das verlangsamt den Prozess, macht das Ergebnis aber stabiler. Unternehmen können langfristig planen, weil sie wissen: Was per Volksabstimmung beschlossen wurde, wird nicht nach der nächsten Wahl wieder kassiert. Planungssicherheit durch Demokratie. Ein Konzept, das in Berlin niemand versteht.
Die Schweiz beweist, dass Innovation kein Programm ist, sondern ein System. Gute Universitäten allein reichen nicht. Privates Förderkapital allein reicht nicht. Steuerliche Anreize allein reichen nicht. Es ist das Zusammenspiel aller Faktoren, das den Unterschied macht. Und dieses Zusammenspiel lässt sich nur schwer in ein Regierungsprogramm gießen. Es wächst organisch, über Jahrzehnte, aus einem System heraus, das Wettbewerb und Eigenverantwortung belohnt.
Warum scheitern Reformen in Deutschland?
1976 veröffentlichte der Politikwissenschaftler Fritz Scharpf einen Aufsatz, der die deutsche Reformunfähigkeit erklärt wie kein anderer. Sein Begriff: die Politikverflechtungsfalle. Die These: Bund und Länder sind so eng miteinander verflochten, dass keine Ebene allein genug Macht hat, um grundlegende Veränderungen durchzusetzen.
Der Bundesrat blockiert Reformen, die den Ländern nicht passen. Die Länder können nicht allein handeln, weil sie vom Bund abhängen. Das Ergebnis ist der kleinste gemeinsame Nenner. Nicht die beste Lösung, sondern die am wenigsten umstrittene. Konsensdemokratie als Reformbremse.
Die Politikverflechtungsfalle erklärt 50 Jahre Reformstau besser als jede Politiker-Rede. Zu viele Vetospieler, zu lange Verhandlungen, zu viel Besitzstandswahrung. Wer einmal Privilegien hat, blockiert jede Änderung, die sie gefährden könnte. Beamte verteidigen ihren Status. Länder verteidigen ihre Kompetenzen. Verbände verteidigen ihre Sonderregelungen. Und am Ende passiert: nichts.
Es gibt ein Muster bei Ländern, die erfolgreich reformiert haben. Estland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Singapur nach der Unabhängigkeit 1965. Irland nach der Finanzkrise 2008. Drei Merkmale verbinden sie: eine existenzielle Krise als Auslöser, eine kleine Bevölkerung, die schnelle Umsetzung erlaubt, und die Möglichkeit, bei null anzufangen. Tabula rasa.
Deutschland hat keinen dieser Faktoren. Keine existenzielle Krise, jedenfalls keine, die als solche empfunden wird. 84 Millionen Einwohner. Und ein historisch gewachsenes System, das man nicht einfach vom Reißbrett aus neu entwerfen kann. Das bedeutet: Reformen müssen inkrementell sein, klug geplant und politisch so verpackt, dass die Vetospieler sie nicht abschießen können. Keine Revolution, sondern Guerilla-Taktik.
Fazit: Fünf Bereiche, eine Erkenntnis
Fünf Teile, fünf Bereiche, fünf Länder, die zeigen, dass es besser geht. Estlands digitale Verwaltung spart laut OECD jedes Jahr mehr als 820 Arbeitsjahre und ist seit Dezember 2024 zu 100 Prozent online. Die niederländische Pflegeorganisation Buurtzorg reduziert Kosten um rund 40 Prozent bei höherer Patientenzufriedenheit. Estlands Schulen übertreffen deutsche in PISA, obwohl das Land weniger Geld pro Schüler ausgibt. Barcelonas Superblocks haben Stickoxide um 25 Prozent gesenkt und den Einzelhandelsumsatz erhöht. Israels Yozma-Programm hat mit 100 Millionen Dollar eine VC-Industrie aus dem Nichts geschaffen.
Die Lösungen für Deutschlands Probleme stehen nicht in Koalitionsverträgen. Sie stehen in Estland, Dänemark, der Schweiz und Israel. Man muss nur hinschauen. Aber genau das passiert nicht. Stattdessen erfindet jede Bundesregierung das Rad neu, startet Pilotprojekte, die nach einer Legislaturperiode versanden, und produziert Strategiepapiere, die niemand liest.
Die gemeinsame Erkenntnis aller fünf Teile ist simpel: Deutschland hat kein Erkenntnisproblem. Die Studien existieren. Die Vorbilder existieren. Die Konzepte existieren. Was fehlt, ist der Wille, funktionierende Modelle zu übernehmen, auch wenn sie dem eigenen Selbstbild widersprechen. Kopieren gilt hierzulande als unöriginär. In der Wirtschaft heißt es Best Practice.
Fritz Scharpfs Politikverflechtungsfalle ist real. Aber sie ist kein Naturgesetz. Auch verflochtene Systeme lassen sich reformieren, wenn der Druck groß genug ist oder die Reform klug genug verpackt wird. Die Agenda 2010 hat gezeigt, dass Deutschland zu tiefgreifenden Veränderungen fähig ist. Sie hat auch gezeigt, welchen politischen Preis Reformer dafür zahlen. Schröder verlor seine Kanzlerschaft. Die SPD hat sich davon 20 Jahre lang nicht erholt.
Die Frage ist nicht, ob Deutschland Reformen braucht. Das bestreitet niemand mehr. Die Frage ist, ob ein Land, das sich im Konsens eingerichtet hat, bereit ist, Unbequemes zu tun. Nicht irgendwann. Jetzt. Meine Einschätzung: Es wird erst passieren, wenn der Reformstau spürbare Konsequenzen hat. Wenn Unternehmen abwandern, Fachkräfte auswandern und der Wohlstand sichtbar schrumpft. Bis dahin wird es Strategiepapiere geben. Viele Strategiepapiere.
Aber vielleicht reicht es auch, einfach anzufangen. Eine Kommune, die Estlands X-Road testet. Ein Bundesland, das Flexicurity als Modellprojekt erprobt. Ein SPRIND-Budget, das den Namen verdient. Keine Großreform, sondern tausend kleine Experimente. Die Vorbilder sind da. Man muss nur den Mut haben, sie zu kopieren.
Quellen
- Senor, Dan / Singer, Saul: Start-Up Nation, The Story of Israel’s Economic Miracle, Twelve, 2009
- Israel Innovation Authority: High-Tech Report 2025 (rund 40 Unicorns und Centaurs, stagnierende Beschäftigung), innovationisrael.org.il
- OECD: Main Science and Technology Indicators, R&D Expenditure as % of GDP 2024
- DARPA: A Selected History of DARPA Innovation, darpa.mil
- Bonvillian, William / Van Atta, Richard: ARPA-E and DARPA, MIT Press, 2011
- Fraunhofer ISI / Technopolis Deutschland: Evaluation der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND, 2023 bis 2024
- BMFTR: SPRIND, Budget und Förderbilanz 2024 bis 2026, bmftr.bund.de
- Bundeshaushalt 2026: Ansatz für SPRIND 220 Millionen Euro in der Finanzplanung 2026 bis 2028
- Danish Ministry of Employment: The Danish Flexicurity Model, bm.dk
- OECD: Employment Protection Legislation Index 2024
- Statistics Denmark: Unemployment Rate December 2025 bis Januar 2026, dst.dk
- OECD: Public Expenditure on Active Labour Market Policies 2024
- European Investment Fund: VC Survey 2024, eif.org
- KfW Research: Fokus Volkswirtschaft Nr. 492, The German venture capital market after the boom and bust, März 2025 (VC-Volumen 7,2 Mrd. Euro 2025)
- KfW: WIN-Initiative, gestartet November 2024, Ziel 12 Mrd. Euro bis 2030
- BaFin: Anlageverordnung, Änderungen 2025, Risikobudget von 35 auf 40 Prozent
- WIPO: Global Innovation Index 2025, Schweiz zum 15. Mal in Folge auf Platz 1
- ETH Zürich und EPFL: Spin-off Reports 2024
- Schweizerische Eidgenossenschaft: Forschung und Innovation in der Schweiz 2024, sbfi.admin.ch
- Scharpf, Fritz W.: Die Politikverflechtungsfalle, Politische Vierteljahresschrift 26/3, 1985 (ursprünglich 1976)
- Google / Wiz: Abschluss der 32-Milliarden-Dollar-Übernahme am 11. März 2026 nach EU-Freigabe Februar 2026 (TechCrunch, Google Press, Variety)
