502 Sozialleistungen, 18 Behörden, null Überblick

Sandra M. ist 34, alleinerziehend, zwei Kinder. Ihr befristeter Vertrag als Verkaufshilfe lief im März aus. Was folgte, war kein Termin beim Amt, sondern eine Odyssee durch vier Behörden. Bürgergeld beim Jobcenter. Wohngeld bei der Wohngeldstelle. Kinderzuschlag bei der Familienkasse. Bildungs- und Teilhabepaket beim Sozialamt. Jede Behörde verlangte eigene Formulare, eigene Nachweise, eigene Kontoauszüge. Keine wusste, was die andere bereits hatte.

Sandras Fall ist kein Einzelfall. Er ist der Normalfall. Laut einer Studie des ifo-Instituts existieren auf Bundesebene 502 verschiedene Sozialleistungen, geregelt in 3.246 Paragraphen, verteilt auf 18 Behörden und Träger. Wer arm ist, muss sich durch ein System kämpfen, das selbst Sozialberater nicht mehr durchblicken. Ein System, das nicht für die Menschen gemacht ist, die es brauchen, sondern für die Verwaltung, die es betreibt.

502 Sozialleistungen sind kein Sozialstaat, sondern ein Vollbeschäftigungsprogramm für Sachbearbeiter. Die Frage ist nicht, ob das System reformiert werden muss. Die Frage ist, warum es noch nicht passiert ist. Denn Alternativen gibt es. In den USA, den Niederlanden, der Schweiz und in Experimenten auf drei Kontinenten.

Was wäre, wenn das Finanzamt automatisch auszahlt?

Die Idee stammt von Milton Friedman, 1962, und sie ist verblüffend einfach. Ab einem bestimmten Einkommen zahlt man Steuern. Liegt man darunter, bekommt man Geld. Nicht als Almosen, nicht nach Antragsprüfung, sondern automatisch. Das Finanzamt kennt das Einkommen. Warum sollte eine andere Behörde dasselbe noch einmal prüfen?

Das Prinzip der negativen Einkommensteuer dreht die Logik um. Statt Hunderten Einzelleistungen gibt es eine Formel: Einkommen minus Grundbedarf ergibt den Transferanspruch. Wer null verdient, bekommt den vollen Satz. Wer etwas verdient, bekommt weniger, aber nie null. Der Grenzsteuersatz liegt bei 50 Prozent. Jeder verdiente Euro bringt also 50 Cent mehr in der Tasche. Kein Antrag, kein Bewilligungsbescheid, keine Warteschlange.

Klingt utopisch? Funktioniert seit Jahrzehnten. In den USA heißt das Modell Earned Income Tax Credit, kurz EITC. Rund 23 Millionen Haushalte erhalten ihn, das Volumen liegt bei etwa 70 Milliarden Dollar pro Jahr (IRS, Steuerjahr 2024). Die Auszahlung läuft über die Steuererklärung, also über eine Behörde, die ohnehin das Einkommen kennt. Die Verwaltungskosten liegen laut IRS unter einem Prozent. Beim deutschen Bürgergeld lagen sie 2024 bei fast acht Milliarden Euro, rund 15 Prozent der Gesamtausgaben oder 2.046 Euro pro erwerbsfähigem Leistungsempfänger (BIAJ-Analyse).

Die FDP schlug 2021 ein ähnliches Modell vor: Bürgergeld, Kinderzuschlag und Wohngeld in einer Leistung zusammenfassen, ausgezahlt über das Finanzamt. Der Vorschlag verschwand in den Koalitionsverhandlungen der Ampel. Auch die geplante Kindergrundsicherung überlebte das Ampel-Ende im November 2024 nicht. Die seit Mai 2025 regierende Koalition aus CDU/CSU und SPD will nun das Bürgergeld in eine „Neue Grundsicherung“ umbenennen, Inkrafttreten 1. Juli 2026, mit schärferen Sanktionen. Wohngeld und Kinderzuschlag sollen zwar gebündelt werden. Eine echte Zusammenlegung mit automatischer Finanzamts-Auszahlung bleibt aber aus.

Zwischen 1968 und 1982 finanzierten die USA vier große Experimente zur negativen Einkommensteuer, ein fünftes (Mincome) lief parallel in der kanadischen Provinz Manitoba. 225 Millionen Dollar, rund 8.700 Familien in New Jersey, im ländlichen Iowa und North Carolina, in Gary/Indiana und in Seattle/Denver. Die Ergebnisse waren nüchtern und ermutigend zugleich. Männer reduzierten ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwei Wochen pro Jahr. Das klingt nach viel, waren aber nur sieben Prozent. Kinder blieben länger in der Schule, die Ernährung verbesserte sich, das Geburtsgewicht stieg.

Die britische Variante lief weniger glänzend. Universal Credit, eingeführt ab 2013, sollte sechs Einzelleistungen unter einem Dach bündeln. Im Januar 2026 bezogen laut Department for Work and Pensions rund 7,1 Millionen Haushalte beziehungsweise 8,4 Millionen Personen die Leistung, ein Rekordstand. Die Zusammenlegung funktionierte im Prinzip, aber bei der Migration der Altfälle fielen laut National Audit Office 21 Prozent der Haushalte aus dem System, sieben Mal mehr als ursprünglich erwartet. Digital-only-Anträge schlossen ältere Menschen aus. Wartezeiten von fünf Wochen trieben Familien in Schulden, weshalb seit April 2025 eine „Fair Repayment Rate“ die Abzüge auf maximal 15 Prozent begrenzt. Die Lehre: Zusammenlegen ja, aber nicht ohne Übergangsfristen und nicht ohne analoge Zugänge.

40 Prozent weniger Pflegekosten durch Selbstorganisation?

Jos de Blok war frustriert. 20 Jahre hatte der Krankenpfleger zugesehen, wie die niederländische Pflege industrialisiert wurde: Minutentaktung, Leistungskataloge, Callcenter für die Einsatzplanung. Für ein zehnminütiges Gespräch mit einer Patientin gab es kein Abrechnungskürzel. 2006 gründete er Buurtzorg. Nachbarschaftspflege. Ohne mittleres Management.

Das Modell klingt geradezu primitiv. Teams von maximal zwölf Pflegekräften betreuen ein Stadtviertel. Sie planen ihre Routen selbst, teilen sich Patienten selbst zu, regeln Urlaub untereinander. Kein Teamleiter, kein regionaler Koordinator, kein mittleres Management. Nur ein Coach für mehrere Teams, falls es Konflikte gibt. Heute beschäftigt Buurtzorg rund 15.000 Pflegekräfte in über 950 Teams, die Zentrale in Almelo kommt mit wenigen Dutzend Verwaltungskräften aus. Acht Prozent Overhead. Die Branche liegt bei 25 Prozent.

Eine Ernst-&-Young-Studie aus dem Jahr 2009 zeigte, dass Buurtzorg-Patienten nur 40 Prozent der bewilligten Pflegestunden benötigten, während die Quote in der Branche bei rund 70 Prozent lag. Eine spätere KPMG-Studie von 2012 kam zu dem Ergebnis, dass eine flächendeckende Übernahme des Modells die aufgewendeten Pflegestunden im niederländischen Gesundheitssystem halbieren könnte. Weniger Stunden, und trotzdem spitzenmäßige Patientenzufriedenheitswerte.

Die Zahlen wirken paradox. Rund 50 Prozent weniger Pflegestunden pro Patient, aber höhere Zufriedenheit. Wie geht das zusammen? Die Antwort liegt im Ziel. Die herkömmliche Pflege optimiert Auslastung. Buurtzorg optimiert Autonomie. Die Pflegekräfte investieren Zeit in Beziehung, Anleitung, Prävention. Patienten lernen, sich selbst zu helfen. Das Netzwerk der Nachbarschaft wird aktiviert. Weniger Notaufnahmen, weniger Krankenhaustage, weniger chronische Verschlechterung. Buurtzorg hat inzwischen in über zwei Dutzend Ländern Ableger, darunter Großbritannien, Japan und den USA.

Buurtzorg beweist: Weniger Bürokratie in der Pflege spart Geld und verbessert die Qualität. Das deutsche System macht das Gegenteil. Pflegekräfte hierzulande dokumentieren laut Nuance-Erhebungen rund 30 bis 36 Prozent ihrer Arbeitszeit. Viermal, in den Jahren 2011, 2012, 2014 und 2015, wurde Buurtzorg in den Niederlanden zum besten Arbeitgeber gewählt. Die Personalfluktuation liegt deutlich unter dem Branchendurchschnitt. Wer nach dem Fachkräftemangel in der Pflege fragt, sollte erst fragen, warum so viele Pflegekräfte aufhören.

Das Problem in Deutschland ist strukturell. Die Pflegeversicherung vergütet nach Leistungskomplexen und Zeittakten. Körperpflege: gut 20 Minuten, Medikamentengabe wenige Minuten. Gespräch nicht vorgesehen. Seit dem 1. Januar 2026 gilt in der stationären Pflege zwar das neue Personalbemessungsverfahren nach Rothgang, das Qualifikationsmix-Regeln statt Minutenwerte einführt. In der ambulanten Pflege aber, wo der größte Teil der Versorgung stattfindet, belohnt das System weiterhin Quantität statt Qualität. Wer einen Patienten zur Selbstständigkeit führt, verliert einen Kunden. Buurtzorg dreht diesen Anreiz um: Wer schnell zur Autonomie verhilft, hat Kapazität für neue Patienten. Ein deutsches Pilotprojekt in Münster musste 2022 Insolvenz anmelden, weil die Rahmenbedingungen der Pflegeversicherung nicht passten.

Die Schweizer zahlen alle ein. Warum Deutschland nicht?

Das Schweizer Rentensystem basiert auf drei Säulen. Die erste, die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), ist staatlich und obligatorisch. Jeder zahlt ein. Angestellte, Selbstständige, Beamte, nicht erwerbstätige Ehepartner. Keine Ausnahmen. Der AHV-Beitragssatz liegt bei 8,7 Prozent des Einkommens, hälftig getragen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dafür gibt es eine Mindestrente von 1.260 Franken und eine Höchstrente von 2.520 Franken pro Monat (Stand 2026). Im März 2024 beschlossen die Schweizer in einer Volksabstimmung mit 58,2 Prozent eine 13. AHV-Rente, die ab Dezember 2026 ausgezahlt wird.

Die zweite Säule, die Pensionskasse, ist betrieblich und kapitalgedeckt. Auch sie ist für alle Arbeitnehmer Pflicht ab einem Jahreseinkommen von 22.680 Franken. Das angesparte Kapital gehört dem Einzelnen, nicht dem System. Wer den Arbeitgeber wechselt, nimmt sein Guthaben mit. Die dritte Säule ist privat und steuerlich begünstigt. Ziel des Gesamtsystems: Säule eins und zwei zusammen sollen rund 60 Prozent des letzten Einkommens abdecken. Im September 2024 lehnten die Schweizer eine Reform der zweiten Säule mit 67,1 Prozent Nein allerdings klar ab, weil die Senkung des Umwandlungssatzes vielen als unsozial galt.

Und Deutschland? Beamte zahlen keinen Cent in die gesetzliche Rente. Ihre Pensionen finanziert der Steuerzahler. 2024 lagen die Ausgaben für Beamtenversorgung, Hinterbliebenenversorgung und Beihilfen laut Statistischem Bundesamt bei rund 90 Milliarden Euro pro Jahr, Tendenz steigend. Die durchschnittliche Beamtenpension beträgt 3.240 Euro brutto, ab April 2026 steigt sie durch die Übernahme des Tarifabschlusses der Länder um weitere 2,8 Prozent. Die Standardrente eines gesetzlich Versicherten mit 45 Beitragsjahren liegt bei 1.835 Euro brutto, der durchschnittliche Rentenzahlbetrag aller Altersrenten bei 1.289 Euro (Deutsche Rentenversicherung, Stand Juli 2025).

Dieses Zwei-Klassen-System hat historische Gründe. Beamte hatten ein Treueverhältnis zum Staat, dafür garantierte der Staat lebenslange Versorgung. Im 19. Jahrhundert ergab das Sinn. Im 21. Jahrhundert nicht mehr. Ein Grundschullehrer in Bayern bekommt als Beamter nach 40 Dienstjahren rund 3.600 Euro Pension. Ein vergleichbarer angestellter Lehrer in Berlin kommt oft auf weniger als die Hälfte. Gleiche Arbeit, doppeltes Ergebnis. Das ist schwer zu vermitteln.

Die Schweizer Rente ist nicht perfekt, aber wenigstens zahlen dort alle ein. Das Beamtenprivileg kostet Deutschland rund 90 Milliarden Euro jährlich. Dafür bekommt das Land weder bessere Lehrkräfte noch motiviertere Finanzbeamte. Es bekommt ein System, das Insider schützt und Outsider benachteiligt. Selbstständige in Deutschland können sich freiwillig gesetzlich versichern, müssen aber nicht. Viele tun es nicht, weil die Beiträge hoch und die Rückflüsse mager sind. Im Alter landen sie beim Grundsicherungsamt. Das System bestraft Eigenverantwortung.

Was sagen die Grundeinkommen-Experimente wirklich?

Zwischen 2017 und 2025 liefen weltweit mehr als ein Dutzend Grundeinkommens-Pilotprojekte. Nicht als akademische Gedankenspiele, sondern als randomisierte kontrollierte Studien mit Kontrollgruppen, Datenerhebung, peer-reviewed Auswertungen. Die Ergebnisse widersprechen dem populärsten Einwand so deutlich, dass man ihn eigentlich begraben könnte.

Finnland, 2017 bis 2018. Die Sozialversicherungsanstalt Kela zahlte 2.000 zufällig ausgewählten Arbeitslosen im Alter zwischen 25 und 58 Jahren 560 Euro pro Monat, bedingungslos, zusätzlich zum Wohngeld. Die Kontrollgruppe blieb im normalen System. Im Mai 2020 legte Kela den Abschlussbericht vor: Die Empfänger arbeiteten sechs Tage mehr als die Kontrollgruppe. Kein großer Unterschied. Aber: 55 Prozent bewerteten ihre Gesundheit als gut, in der Kontrollgruppe nur 46 Prozent. Das Vertrauen in Mitmenschen und Institutionen stieg messbar.

Stockton, Kalifornien, 2019 bis 2021. Das SEED-Programm gab 125 zufällig ausgewählten Einwohnern mit Einkommen unter dem Median 500 Dollar im Monat, ursprünglich für 18 Monate, später auf 24 Monate verlängert. Bedingungslos, auf einer Debitkarte. Die Vollzeitbeschäftigung unter den Empfängern verdoppelte sich von 28 auf 40 Prozent. Die finanzielle Stabilität sprang von 25 auf 50 Prozent. Und weniger als ein Prozent des Geldes floss in Alkohol oder Tabak. Der größte Posten: Lebensmittel und Kleidung.

Das größte Experiment läuft in Kenia. GiveDirectly zahlt seit 2017 an rund 20.000 Menschen in 195 ländlichen Gemeinden etwa 22,50 Dollar pro Monat, auf zwölf Jahre angelegt. Gesamtvolumen: 30 Millionen Dollar. Die erste große Peer-Review-Auswertung von Banerjee, Niehaus und Suri im Dezember 2023 zeigt: keine messbare Reduktion der Arbeitszeit. Mehr Investitionen in kleine Geschäfte. Höherer Schulbesuch der Kinder. Weniger häusliche Gewalt.

Und dann ist da Kanada. Mincome, 1974 bis 1979. Die Stadt Dauphin in Manitoba garantierte jedem Einwohner ein Mindesteinkommen. Männer reduzierten ihre Arbeitszeit um ein Prozent. Frauen um drei Prozent, hauptsächlich nach Geburten. Teenager blieben länger in der Schule. Die Krankenhauseinweisungen sanken um 8,5 Prozent. Weniger Arbeitsunfälle, weniger psychische Krisen, weniger Notfallbehandlungen.

Die Angst vor dem faulen Grundeinkommensbezieher ist durch fünf Experimente auf drei Kontinenten widerlegt. Zeit, das anzuerkennen. Die Ergebnisse zeigen allerdings auch, was sie nicht zeigen können: systemische Effekte. Was passiert, wenn nicht 2.000, sondern 20 Millionen Menschen ein Grundeinkommen bekommen? Verändern sich Lohnniveaus? Preise? Mieten? Darauf gibt kein Pilotprojekt eine Antwort. Das ist kein Argument gegen Experimente. Aber eines für Bescheidenheit bei den Schlussfolgerungen.

Was wäre der erste Schritt?

Nicht alles auf einmal. Das ist die wichtigste Lehre aus dem britischen Universal-Credit-Desaster. Wer sechs Systeme gleichzeitig zusammenlegt, ohne Übergangsfristen, ohne analoge Zugänge, ohne Fehlertoleranz, produziert Chaos. Aber nichts tun ist auch keine Lösung.

Drei Leistungen lassen sich kurzfristig zusammenlegen, ohne das gesamte Sozialsystem umzubauen: Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag. Alle drei setzen ein niedriges Einkommen voraus. Alle drei erfordern ähnliche Nachweise. Alle drei werden monatlich ausgezahlt. Ein Antrag statt drei, eine Behörde statt drei, eine Zahlung statt drei. Technisch machbar. Politisch nicht gewünscht, weil jede der drei Behörden um ihre Existenz kämpft.

Wo das Finanzamt das Einkommen bereits kennt, sollte die Auszahlung automatisch laufen. Das betrifft vor allem den Kinderfreibetrag und das Kindergeld. Wer Anspruch hat, bekommt es. Ohne Antrag. Das spart Verwaltungskosten und erreicht jene, die ihre Ansprüche bisher nicht kennen. Die Dunkelziffer bei Wohngeld liegt laut BBSR-Forschung und Erhebungen des VdK bei bis zu 40 Prozent.

In der Pflege bräuchte es eine Experimentierklausel. Zehn Regionen, fünf Jahre, ergebnisorientierte Vergütung statt Minutentaktung. Buurtzorg-Teams, die nach Patientenergebnis bezahlt werden: Selbstständigkeit, Zufriedenheit, Krankenhaustage. Nicht nach der Zahl der abgerechneten Leistungskomplexe. Die gesetzliche Grundlage dafür existiert bereits im SGB XI, Paragraf 8 Absatz 3. Sie wird nur nicht genutzt.

Die Rente ist die dickste Baustelle. Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, würde das System stabilisieren und gerechter machen. Aber der Übergang braucht Jahrzehnte. Österreich hat 2005 mit dem Pensionsharmonisierungsgesetz begonnen: Alle ab Jahrgang 1976 oder ab 2005 neu eingestellten Beamten werden vollständig nach dem Allgemeinen Pensionsgesetz berechnet, ältere Jahrgänge laufen über eine Parallelrechnung. Voll wirksam wird die Harmonisierung erst, wenn die letzten Altbeamten aus dem Aktivstand ausgeschieden sind, also in den 2040er-Jahren. Das ist kein Sprint, das ist ein Generationenprojekt.

Was sofort gehen müsste: ein digitales Rentencockpit im Regelbetrieb. Ein Portal, in dem jeder Versicherte alle Vorsorgeansprüche auf einen Blick sieht. Gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge, Riester, Rürup, private Policen. Dänemark hat das mit Pensionsoversigt.dk seit 2017. Deutschland startete die Digitale Rentenübersicht im Sommer 2023 als Pilot, seit 2025 läuft sie im Regelbetrieb. Ende 2025 hatten sich allerdings erst rund 320.000 Menschen registriert, bei etwa 4,8 Millionen Seitenaufrufen. Viele Träger der betrieblichen Altersvorsorge sind noch gar nicht angebunden. Dass Dänemark längst millionenfach nutzt, was hierzulande erst ein Nischenportal ist, liegt nicht am Datenschutz. Es liegt an der Interpretation des Datenschutzes durch Behörden, die kein Interesse an Transparenz haben.

Das System schützt sich selbst

Deutschlands Sozialsystem ist nicht kompliziert, weil die Probleme kompliziert sind. Es ist kompliziert, weil Komplexität den Status quo schützt. Jede Behörde, jeder Verband, jede Kammer verteidigt ihren Zuständigkeitsbereich. Jede Zusammenlegung bedroht Arbeitsplätze in der Verwaltung. Jede Vereinfachung nimmt jemandem Macht.

Die negative Einkommensteuer ist keine Utopie, der Earned Income Tax Credit funktioniert in den USA seit 1975. Buurtzorg ist kein Pilotprojekt mehr, rund 15.000 Pflegekräfte versorgen damit einen großen Teil der niederländischen Pflegebedürftigen. Die Schweizer Rente ist kein Modell aus dem Lehrbuch, sie zahlt seit 1948 an alle. Und die Grundeinkommen-Experimente liefern Daten, keine Ideologie.

Was fehlt, ist nicht Wissen. Was fehlt, ist der Wille, Besitzstände anzutasten. Die Beamtenlobby will keine Rentenreform. Die Pflegekassen wollen keine Ergebnisorientierung. Die Kommunen wollen keine Zusammenlegung der Sozialämter. Und die Politik will niemanden verärgern, der organisiert ist. Wer nicht organisiert ist (alleinerziehende Mütter, pflegende Angehörige, arme Rentner), hat keine Lobby.

Sandra M. hat ihre Anträge nach elf Wochen zusammen. Drei wurden bewilligt, einer abgelehnt, weil ein Kontoauszug fehlte. Sie hat ihn nachgereicht. Das dauert nochmal vier Wochen. In Estland wäre das ein Klick gewesen. In den USA hätte das Finanzamt automatisch gezahlt. In Deutschland braucht es vier Behörden, 15 Wochen und ein Soziologie-Studium.

Im nächsten Teil geht es um Bildung. Estland gibt weniger Geld aus als Deutschland und hat bessere Schulen. Kanadas Migrantenkinder übertreffen die Einheimischen. Singapur bezahlt seine besten Lehrer wie Manager. Drei Modelle, die zeigen, dass es nicht am Geld liegt.

Quellen

  1. ifo Institut: „Über 500 verschiedene Sozialleistungen in Deutschland“, Forschungsbericht Nr. 160 (Blömer, Fischer, Klaeren, Peichl), 15. Oktober 2025
  2. Milton Friedman: „Capitalism and Freedom“, University of Chicago Press, 1962, Kapitel 12
  3. Internal Revenue Service (IRS): „EITC Reports and Statistics“, Steuerjahr 2024, veröffentlicht Dezember 2025
  4. BIAJ (Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung): „SGB-II-Verwaltungskosten 2024, auf fast acht Milliarden Euro gestiegen“, Kurzmitteilung 2025
  5. U.S. Department of Health and Human Services (ASPE): „Overview of the Final Report of the Seattle-Denver Income Maintenance Experiment“, 1983
  6. Department for Work and Pensions (UK): „Universal Credit Statistics, 29 April 2013 to 8 January 2026“, DWP/GOV.UK
  7. National Audit Office (UK): „Progress in implementing Universal Credit“, Februar 2024
  8. IFS (Institute for Fiscal Studies): „Universal Credit Review: Challenges and Options for Reform“, März 2026
  9. Ernst & Young: „Buurtzorg Nederland, Performance Review“, 2009
  10. KPMG: „The Added Value of Buurtzorg Relative to Other Providers of Home Care“, Studie im Auftrag von Buurtzorg, 2012
  11. Commonwealth Fund: „Home Care by Self-Governing Nursing Teams, The Netherlands' Buurtzorg Model“, Case Study, 2015
  12. GKV-Spitzenverband: „Evaluation Buurtzorg Deutschland, Modellprojekt Pflege nach § 8 Abs. 3 SGB XI“
  13. Statistisches Bundesamt / Destatis: „Pensionsausgaben 2024“, Beamtenversorgung inklusive Hinterbliebene und Beihilfen
  14. Deutsche Rentenversicherung Bund: „Aktuelle Daten, Rentenhöhe 2025“
  15. Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), Schweiz: „Beträge 2026, AHV/IV/EO Beitragssätze und Leistungen“
  16. Admin.ch: „13. AHV-Rente (Volksabstimmung vom 3. März 2024“; „BVG-Reform) Volksabstimmung vom 22. September 2024“
  17. Kela (Finnland): „Results of Finland’s Basic Income Experiment 2017–2018“, Abschlussbericht Mai 2020
  18. Stockton Economic Empowerment Demonstration (SEED): „Preliminary Analysis, SEED’s First Year“, 2021
  19. Banerjee, Niehaus, Suri: „Long-term Universal Basic Income in Kenya“, GiveDirectly / NBER Working Paper, Dezember 2023
  20. Evelyn Forget: „The Town with No Poverty“, Canadian Public Policy, University of Manitoba, 2011
  21. BBSR / VdK: „Inanspruchnahme Wohngeld, Dunkelziffer“, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2024
  22. Koalitionsvertrag CDU/CSU/SPD 2025: „Neue Grundsicherung ab 1. Juli 2026“
  23. Digitale Rentenübersicht Deutschland: „Zwischenbericht zum Regelbetrieb“, BMF-Monatsbericht April 2025; Nutzerzahlen Ende 2025
  24. Pensionsoversigt.dk: „Det samlede pensionsoverblik“, Dänemarks digitales Rentenportal, seit 2017