Grundlagen: Was ETFs sind und wie sie funktionieren

Jens sitzt an seinem Küchentisch und starrt auf den Jahresauszug seiner Sparkasse. Seit 2018 zahlt er monatlich 200 Euro in einen aktiv gemanagten Aktienfonds ein. Gesamteinzahlungen: 19.200 EUR. Aktueller Depotwert: 21.340 EUR. Das klingt nach Gewinn, aber Jens hat nachgerechnet. Nach Abzug der Fondskosten von 1,7 Prozent pro Jahr bleiben real etwa 2,3 % Rendite jährlich. Der MSCI World hat im selben Zeitraum rund 10 % pro Jahr geschafft. Hätte Jens die gleichen 200 Euro in einen günstigen ETF auf diesen Index gesteckt, läge sein Depot heute bei über 28.000 EUR.

Siebentausend Euro Unterschied. Durch Gebühren. Jens ist kein Einzelfall. Millionen Sparer in Deutschland bezahlen Fondsmanagern hohe Gebühren für eine Leistung, die in den allermeisten Fällen schlechter ausfällt als ein simples Indexprodukt, das nichts weiter tut, als einen Aktienindex automatisch nachzubilden. Das ist keine Behauptung, sondern statistisch belegt. Nach Daten des BVI (Bundesverband Investment und Asset Management) verwalteten deutsche Publikumsfonds Ende 2025 rund 1,8 Billionen EUR, ein großer Teil davon in aktiv gemanagten Produkten mit hohen Kostenquoten. Die Frage ist: Warum funktioniert das so? Und was genau ist eigentlich ein ETF?

Was ein ETF eigentlich ist

ETF steht für Exchange Traded Fund. Börsengehandelter Fonds. Drei Wörter, die das Konzept ziemlich genau beschreiben. Ein solcher Indexfonds wird an der Börse gehandelt wie eine Aktie, was bedeutet, dass Investoren ihn während der Handelszeiten jederzeit kaufen und verkaufen können, ohne auf einen Rücknahmepreis am Tagesende warten zu müssen. Der Kurs ändert sich im Sekundentakt.

Der entscheidende Unterschied zu einem klassischen Investmentfonds: Ein ETF versucht nicht, den Markt zu schlagen. Er bildet einen Index nach. Der iShares Core MSCI World ETF kauft die Aktien, die im MSCI World Index enthalten sind, in der gleichen Gewichtung. Steigt Apple im Index auf 5 % Anteil, macht Apple auch 5 % des ETF aus. Fällt ein Unternehmen aus dem Index, fliegt es auch aus dem Produkt. Das passiert automatisch.

Diese Methode nennt sich physische Replikation, weil der Fondsanbieter die Aktien tatsächlich kauft und im Sondervermögen hält. Bei einem Aktienkorb mit 1.300 Titeln wie dem Weltindex hält der Indexfonds alle oder zumindest die allermeisten davon. Manche kleineren Positionen werden durch ähnliche Aktien ersetzt (optimiertes Sampling). Das spart Transaktionskosten und macht bei winzigen Positionen kaum einen Unterschied.

Daneben gibt es synthetische Replikation. Hier kauft das Vehikel nicht die Aktien selbst, sondern schließt einen Tauschvertrag (Swap) mit einer Investmentbank ab, die im Gegenzug die Indexrendite garantiert, während das Produkt als Sicherheit ein Aktienpaket hält, das nicht zum abgebildeten Aktienkorb gehören muss. Das klingt riskant, ist aber streng reguliert. Das Kontrahentenrisiko ist auf 10 % des Fondsvermögens begrenzt, in der Praxis deutlich niedriger. Für Privatanleger macht es im Alltag fast keinen Unterschied, welche Replikationsmethode ein börsengehandelter Fonds nutzt.

Wie kommt ein börsengehandelter Fonds an die Börse? Große Investmentgesellschaften wie iShares (BlackRock), Vanguard oder Xtrackers (DWS) legen das Produkt auf und definieren, welchen Aktienkorb es abbilden soll. Sogenannte Authorized Participants (meist Großbanken) können neue Anteile schaffen, indem sie dem ETF einen Korb der enthaltenen Aktien liefern. Im Gegenzug erhalten sie Anteile, die sie an der Börse verkaufen. Dieses Creation-Redemption-Verfahren sorgt dafür, dass der Börsenpreis sehr nah am tatsächlichen Wert der enthaltenen Aktien bleibt, weil jede nennenswerte Abweichung zwischen Fondspreis und Inventarwert sofort durch Arbitrage ausgeglichen wird.

Im Vergleich zum klassischen Investmentfonds bieten börsengehandelte Indexfonds drei handfeste Vorteile. Erstens: niedrige Kosten. Die jährliche Verwaltungsgebühr (TER) eines ETF auf den Weltindex liegt bei 0,12 bis 0,20 %, während ein aktiv verwalteter Fonds 1,5 bis 2,0 % pro Jahr kostet, oft zuzüglich eines Ausgabeaufschlags von drei bis fünf % beim Kauf. Zweitens: Transparenz. Die Zusammensetzung eines börsengehandelten Fonds ist jederzeit einsehbar, bei aktiv gemanagten Produkten erfährt man die gehaltenen Positionen oft erst Wochen später aus dem Rechenschaftsbericht. Drittens: Flexibilität. Ein ETF wird an der Börse in Echtzeit gehandelt. Klassische Investmentprodukte kann man nur einmal am Tag zum Rücknahmepreis kaufen oder verkaufen.

Warum schlagen die meisten Fondsmanager den Index nicht?

Ernüchternd fallen die Ergebnisse aus. Laut der SPIVA-Studie von S&P Global, die seit über zwei Jahrzehnten untersucht, wie aktiv verwaltete Anlageprodukte im Vergleich zu ihrem jeweiligen Vergleichsindex abschneiden, fallen die Ergebnisse für die Fondsbranche seit jeder Auswertung verheerend aus. Das Ergebnis für Europa: Über 15 Jahre hinweg haben mehr als 90 % der aktiv gemanagten Aktienfonds ihren Vergleichsindex nicht geschlagen. In manchen Kategorien liegt die Misserfolgsquote bei 95 %.

Kosten sind der Hauptgrund. Ein aktiv gemanagtes Produkt mit 1,8 % TER muss jedes Jahr 1,8 Prozentpunkte besser sein als der Vergleichsindex, nur um gleichauf zu liegen, und diesen Vorsprung muss er nicht einmal, sondern Jahr für Jahr aufs Neue erzielen. Das ist ein gewaltiger Nachteil, der sich über die Jahre aufkumuliert. Nach zehn Jahren hat ein Sparer in einem passiven ETF mit 0,15 % TER etwa 1,5 % seines Kapitals an Gebühren verloren. Im aktiv gemanagten Produkt: rund 17 %. Diese Differenz von 15 Prozentpunkten verschwindet nicht, sie fehlt dauerhaft im Vermögensaufbau und kann durch den Zinseszinseffekt am Ende mehrere Zehntausend Euro ausmachen.

Dazu kommt der Survivorship Bias. Produkte, die schlecht laufen, werden geschlossen oder mit anderen verschmolzen, sodass sie aus sämtlichen Vergleichsstatistiken verschwinden und nur die Gewinner übrig bleiben. Die Überlebenden sehen im Rückblick besser aus, als die Branche insgesamt war. Nach Berechnungen von Morningstar sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 40 % aller europäischen Aktienfonds vom Markt verschwunden. Wer heute ein Produkt mit guter Vergangenheitsrendite kauft, kauft möglicherweise den Überlebenden einer Negativauslese.

Eugene Famas Efficient-Market-Hypothese erklärt den Mechanismus dahinter. Alle öffentlich verfügbaren Informationen sind bereits in den Aktienkursen enthalten, weil Tausende von Analysten, Algorithmen und institutionellen Investoren ständig nach Fehlbewertungen suchen und diese innerhalb von Sekunden ausnutzen. Um den Markt dauerhaft zu schlagen, bräuchte ein Fondsmanager systematisch bessere Informationen als alle anderen Marktteilnehmer zusammen. Einzelne Treffer sind möglich. Konstant über Jahre besser sein als der Durchschnitt aller Profis zusammen? Extrem schwierig. Warren Buffett hat genau aus diesem Grund in seinem Testament verfügt, dass das Vermögen seiner Frau in einen günstigen S&P-500-ETF fließen soll.

Meiner Einschätzung nach ist das der wichtigste Punkt für Einsteiger: Selbst Profis mit Milliardenbudgets, Analystenteams und Echtzeitdaten scheitern mehrheitlich daran, einen simplen Aktienkorb dauerhaft zu übertreffen. Warum sollte ein Privatanleger, der abends nach der Arbeit Aktiennachrichten liest und am Wochenende Bilanzen überfliegt, das besser können als ein Team aus 50 Analysten bei Goldman Sachs? Die logische Konsequenz lautet: den Gesamtmarkt kaufen, Gebühren sparen und die Differenz investieren.

Rendite und Risiko: 30 Jahre Börsengeschichte

Das Barometer enthält rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern und deckt damit etwa 85 % der frei handelbaren Marktkapitalisierung in jedem dieser Länder ab. Der Weltindex existiert seit 1969 und ist der meistgenutzte Vergleichsmaßstab für globale Aktienanlagen. Die langfristige Rendite liegt bei etwa 8 % pro Jahr (vor Inflation). Im letzten Jahrzehnt waren es sogar rund 12 % jährlich, getrieben vor allem durch die starke Entwicklung amerikanischer Technologiewerte wie Apple, Microsoft und Nvidia, die zusammen zeitweise mehr als 10 % des gesamten Barometers ausmachten.

Diese Durchschnittswerte täuschen darüber hinweg, was der Weg dorthin bedeutet hat. Denn Aktien fallen. Manchmal brutal. Wer die Rendite will, muss die Einbrüche ertragen.

Die Finanzkrise 2008 war der härteste Test der jüngeren Börsengeschichte. Ein Anleger, der Anfang Oktober 2007 auf dem absoluten Höhepunkt einstieg, sah sein Depot bis März 2009 um 54 % fallen. Aus 100.000 EUR wurden 46.000. Die Erholung dauerte bis Anfang 2013, also rund fünf Jahre geduldiges Halten, während Zeitungen täglich neue Hiobsbotschaften über Bankpleiten und Staatsschuldenkrisen druckten. Wer in der Panik verkauft hat, hat den Verlust realisiert. Wer gehalten hat, stand anschließend besser da als je zuvor.

Der Corona-Crash im März 2020 verlief anders. In nur vier Wochen stürzte der Weltindex um 34 % ab, ausgelöst durch die globalen Lockdowns und die Angst vor einer Weltwirtschaftskrise, wie sie seit den 1930er Jahren nicht mehr vorgekommen war. Doch die Erholung kam schnell: Bereits im September 2020, rund sechs Monate nach dem Tiefpunkt, hatte das Barometer sein altes Niveau wieder erreicht. Am 23. März 2020 zu kaufen bedeutete, den Einsatz binnen 24 Monaten zu verdoppeln.

Die wichtigste Statistik für langfristige Anleger: Es gibt keinen einzigen 15-Jahres-Zeitraum in der Geschichte des Industrieländerindex, in dem Investoren Geld verloren hätten. Keinen. Egal ob man 1970, 1990, 2000 oder 2008 eingestiegen ist, selbst wer zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt direkt vor einem Crash investiert hat, stand nach 15 Jahren im Plus. Das ist keine Garantie für die Zukunft. Aber es ist ein Muster, das über ein halbes Jahrhundert Bestand hat und auf der grundlegenden Eigenschaft des Aktienmarkts beruht, langfristig die wirtschaftliche Wertschöpfung abzubilden.

Welche Risiken bleiben?

Die historischen Daten sind ermutigend. Trotzdem wäre es fahrlässig, Risiken zu ignorieren. Ein Weltindex-ETF ist kein Sparbuch.

Klumpenbildung ist das größte Strukturrisiko. Die USA machen rund 70 % des Weltindex aus, und die zehn größten Positionen allein stehen für rund 24 % des gesamten Barometers: Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google), Meta, Broadcom, Tesla, Eli Lilly und JPMorgan. Fällt die US-Wirtschaft in eine längere Schwächephase oder platzt eine Technologieblase wie im Jahr 2000, trifft das den Gesamtmarkt massiv. Die Gewichtung nach Marktkapitalisierung verstärkt den Effekt: Was teuer ist, wird stärker gewichtet. Das hat in der jüngeren Vergangenheit gut funktioniert. Meiner Einschätzung nach ist die US-Dominanz im Weltindex kein Grund zur Panik, sondern ein Abbild der wirtschaftlichen Realität. Ewig muss es trotzdem nicht so bleiben.

Das Währungsrisiko verunsichert viele Einsteiger unnötig. Ein ETF, der in US-Dollar notiert, trägt kein anderes Währungsrisiko als einer, der in Euro notiert, denn entscheidend sind die Währungen der enthaltenen Aktien und nicht die Fondswährung auf dem Produktblatt. Halter eines globalen Aktien-Indexfonds sind automatisch in Dollar, Yen, Pfund und anderen Währungen investiert. Langfristig gleichen sich Wechselkursschwankungen weitgehend aus. Währungsgesicherte Varianten (hedged) kosten extra und bringen über 15-Jahres-Horizonte keinen nachweisbaren Vorteil.

Ein Punkt überrascht regelmäßig: Die Tracking Difference vieler börsengehandelter Fonds ist besser als ihre TER vermuten lässt. Der iShares Core auf den Weltindex hat eine TER von 0,20 %, seine Tracking Difference lag zuletzt bei nur 0,05 bis 0,10 %. Der Grund: Fondsanbieter verdienen Geld durch Wertpapierleihe. Sie verleihen Aktien aus dem Sondervermögen an andere Marktteilnehmer (etwa Leerverkäufer) und teilen die Einnahmen mit dem ETF, was die tatsächlichen Kosten für den Anleger unter die offiziell ausgewiesene Gebührenquote drückt. Manche ETFs schlagen ihr Vergleichsbarometer sogar leicht, obwohl sie Gebühren erheben. Die Tracking Difference ist deshalb die ehrlichere Kennzahl als die TER, und extraETF veröffentlicht sie für alle gängigen Produkte.

Ein Risiko, das selten diskutiert wird: das Sequence-of-Returns-Risiko kurz vor oder im Ruhestand. Ein Ruheständler, der mit 65 in den Ruhestand geht und dann einen Einbruch von 40 % erlebt, hat ein Problem, das sich von dem eines 30-Jährigen grundlegend unterscheidet, weil ihm schlicht die Zeit zum Aussitzen fehlt. Das Depot schrumpft, gleichzeitig werden Entnahmen fällig. Die Kombination kann dazu führen, dass das Geld nicht reicht, selbst wenn der Markt sich Jahre später erholt. Dagegen helfen zwei Strategien: ein Sicherheitspuffer in Tages- oder Festgeld (drei bis fünf Jahresausgaben), und eine schrittweise Umschichtung in schwankungsärmere Anlagen ab etwa zehn Jahre vor Rentenbeginn.

Politische und regulatorische Risiken kommen hinzu. Steueränderungen (etwa bei der Teilfreistellung oder der Vorabpauschale) können die Nettorendite beeinflussen. Finanztransaktionssteuern werden in der EU seit Jahren diskutiert. Ein Verbot oder eine Einschränkung von börsengehandelten Fonds halte ich für extrem unwahrscheinlich, da mittlerweile zu viel Kapital in ihnen steckt. Aber die steuerlichen Rahmenbedingungen können sich ändern, und das sollte man bei der Planung berücksichtigen.

Für Privatinvestoren in Deutschland gilt seit 2018 das Investmentsteuerreformgesetz, das die Besteuerung von Investmentvermögen vereinheitlicht hat. Aktienfonds mit mindestens 51 % Aktienanteil erhalten eine Teilfreistellung von 30 % auf alle Erträge, was die effektive Steuerlast spürbar senkt.

Warum verkaufen Anleger zum schlechtesten Zeitpunkt?

Die Theorie ist simpel: breit gestreuten ETF kaufen, 15 Jahre halten, Rendite einstreichen. In der Praxis scheitern erstaunlich viele Menschen an diesem Plan. Nicht wegen der Börse. Wegen sich selbst.

Kahneman und Tversky haben in ihrer preisgekrönten Arbeit aus den 1970er Jahren das Konzept der Verlustaversion beschrieben, das bis heute als eine der wichtigsten Erkenntnisse der Verhaltensökonomie gilt und erklärt, warum Geldanlage für die meisten Menschen emotional so schwierig ist. Verluste wiegen psychologisch etwa doppelt so schwer wie gleichhohe Gewinne. Ein Verlust von 1.000 EUR schmerzt intensiver als ein Gewinn von 1.000 EUR Freude bereitet. Das erklärt, warum Sparer bei fallenden Kursen in Panik geraten, obwohl die rationale Reaktion wäre, einfach abzuwarten (oder nachzukaufen).

Verstärkt wird das Problem durch den Recency Bias. Menschen gewichten aktuelle Ereignisse stärker als historische Daten, und diese Verzerrung lässt sich auch durch noch so viele Statistiken und Renditetabellen kaum überwinden, weil sie tief in der menschlichen Wahrnehmung verankert ist. Wenn der Markt drei Monate lang fällt, fühlt es sich an, als würde er ewig fallen. Die Tatsache, dass es noch nie einen 15-Jahres-Zeitraum mit negativer Rendite gab? Abstrakt. Das Loch im Depot? Konkret und schmerzhaft.

Herdenverhalten kommt obendrauf. Wenn alle verkaufen, will man auch verkaufen. Wenn alle kaufen, will man auch kaufen. Das führt dazu, dass viele Privatinvestoren genau falsch herum handeln: Sie steigen bei Höchstständen ein (weil alle begeistert sind) und verkaufen im Einbruch (weil alle panisch sind). Seit Jahrzehnten belegt die Dalbar-Studie: Privatanleger erzielen im Schnitt deutlich weniger Rendite als die Produkte, in denen sie investiert sind, weil sie ständig versuchen, den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu finden, und dabei regelmäßig danebenliegen. Nicht die Geldanlage selbst ist das Problem. Die Anleger sind es. Nach meiner Erfahrung scheitern mehr Menschen an ihrer eigenen Ungeduld als an der falschen Produktauswahl.

Ein Beispiel, das mir im Gedächtnis geblieben ist: Im März 2020 fielen die Kurse in wenigen Wochen um mehr als 30 %. In Finanzforen war die Stimmung apokalyptisch. Viele Depotinhaber verkauften alles. Ein Bekannter von mir löste sein komplettes Depot auf, 40.000 EUR, und legte das Geld auf ein Tagesgeldkonto. Vier Monate später waren die Kurse fast wieder auf dem alten Niveau. Sein ETF hätte sich vollständig erholt. Stattdessen hatte er den Verlust realisiert und traute sich danach zwei Jahre nicht zurück an die Börse. Als er schließlich wieder einstieg, stand der Markt 60 % höher.

Automatisierung ist die beste Gegenstrategie. Ein monatlicher Sparplan nimmt die Emotionen aus der Gleichung: 200 EUR, am Ersten jedes Monats, automatisch investiert in einen breit gestreuten ETF, ohne dass man eine einzige Kauf- oder Verkaufsentscheidung treffen muss. Keine Entscheidung, kein Zögern, kein Markt-Timing. Bei hohen Kursen kauft man weniger Anteile, bei niedrigen mehr, und über die Zeit gleicht sich das aus (Cost-Average-Effekt). Der eigentliche Vorteil ist aber ein anderer: Er ist psychologisch. Keine Entscheidung bedeutet kein Zögern, kein Grübeln, kein Reinfallen auf die eigene Angst. Genau daran scheitern die meisten Anleger.

Das halte ich für die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels: Nicht die Fondsauswahl entscheidet über den Anlageerfolg. Es ist das eigene Verhalten. Anleger mit breit gestreutem ETF und 15 Jahren Geduld haben historisch immer gewonnen. Der schwierige Teil ist das Durchhalten.

Fazit und Ausblick

Börsengehandelte Indexfonds sind keine Raketenwissenschaft. Sie bilden Indizes nach, kosten wenig und sind über die Börse jederzeit handelbar. Die Datenlage ist eindeutig: Über 90 % der aktiv verwalteten Fonds schneiden langfristig schlechter ab als ihr Vergleichsindex, und die wenigen Ausnahmen lassen sich im Voraus nicht zuverlässig identifizieren. Gebühren zu sparen und den Gesamtmarkt zu kaufen bringt in den allermeisten Fällen mehr.

Die historischen Renditen sind beeindruckend, aber sie kommen nicht ohne Risiko, denn Kurseinbrüche von 30, 40 oder sogar 50 % gehören zum langfristigen Aktienmarkt wie Gewitter zum Sommer. Wer das nicht aushalten kann (oder will), sollte seinen Aktienanteil entsprechend anpassen und einen Teil des Geldes in schwankungsarmen Anleihen oder Festgeld halten. Die gute Nachricht: Über 15 Jahre hat sich das Risiko historisch immer ausgezahlt.

Das größte Risiko sitzt nicht an der Börse, sondern vor dem Bildschirm. Panikverkäufe in der Krise zerstören mehr Rendite als jeder Crash selbst, und ein automatisierter Sparplan bleibt das einfachste und wirksamste Werkzeug dagegen.

Jens, vom Anfang dieses Artikels, hat inzwischen umgeschichtet. Er spart seine 200 EUR jetzt in einen ETF auf den Weltindex mit einer TER von 0,20 %, nachdem er acht Jahre lang Gebühren an einen aktiven Fondsmanager bezahlt hat, der den Vergleichsindex in keinem einzigen Jahr geschlagen hat. Den Unterschied merkt er noch nicht auf dem Kontoauszug. In zehn Jahren wird er ihn merken.

Im nächsten Teil der Serie geht es um die konkrete ETF-Auswahl: MSCI World, FTSE All-World oder MSCI ACWI? Was ist der Unterschied zwischen thesaurierend und ausschüttend? Und wann sind Themen-ETFs sinnvoll (Spoiler: selten)?

Quellen

  1. S&P Global: SPIVA Europe Scorecard, Year-End 2024. spglobal.com
  2. MSCI: MSCI World Index Factsheet, März 2026. msci.com
  3. iShares: Produktinformationsblatt iShares Core MSCI World UCITS ETF. ishares.com
  4. Morningstar: Active/Passive Barometer Europe, Februar 2026. morningstar.com
  5. Kahneman, Daniel; Tversky, Amos: Prospect Theory: An Analysis of Decision Under Risk. Econometrica, 1979.
  6. Dalbar Inc.: Quantitative Analysis of Investor Behavior (QAIB), 2025. dalbar.com
  7. Finanztest (Stiftung Warentest): ETF-Vergleich, Ausgabe 03/2026. test.de
  8. extraETF: Tracking Difference Vergleich MSCI World ETFs, Stand März 2026. extraetf.com
  9. Bundesverband Investment und Asset Management (BVI): Investmentstatistik 2025. bvi.de
  10. Fama, Eugene: Efficient Capital Markets: A Review of Theory and Empirical Work. Journal of Finance, 1970.
  11. Bundesministerium der Finanzen: Investmentsteuerreformgesetz (InvStRefG), 2018. bundesfinanzministerium.de