ETF-Geldanlage: Vom Sparplan zur Altersvorsorge

Laura legt seit drei Jahren 200 EUR monatlich auf ein Tagesgeldkonto, angefangen bei 1,5 % Zinsen, aktuell noch 2,3. Klingt ordentlich, doch die Inflation lag 2025 bei durchschnittlich 2,2 und im März 2026 sogar bei 2,7 %, sodass Lauras Ersparnisse zwar auf dem Papier wachsen, real aber an Kaufkraft verlieren. Nach drei Jahren hat sie 7.200 eingezahlt. Gewonnen hat sie praktisch nichts.

Ihr Kollege Markus erzählt von seinem ETF-Sparplan: 200 im Monat, seit fünf Jahren, automatisch, keine Einzelaktien, kein tägliches Kursschauen, und sein Depot steht bei über 16.000, obwohl er nur 12.000 eingezahlt hat. Börse klingt für Laura nach Risiko, doch Markus sagt: „Das dachte ich auch, und dann habe ich mir die Zahlen angeschaut.”

Rund 5,4 Millionen ETF-Sparpläne laufen mittlerweile monatlich in Deutschland, und die Gründe dafür sind nachvollziehbar: niedrige Kosten, breite Streuung, kein Expertenwissen nötig. Kein Nischenprodukt mehr. Seit März 2026 kommt ein weiterer Anlass dazu, denn der Bundestag hat das Altersvorsorgedepot beschlossen, das ab 2027 staatliche Zulagen auf ETF-Sparen ermöglicht. Dieser Überblick fasst zusammen, was Einsteiger wissen müssen.

Was ETFs sind und warum sie funktionieren

ETF steht für Exchange Traded Fund, übersetzt: börsengehandelter Fonds. Die Idee dahinter ist simpel: Ein ETF bildet einen Index nach, etwa den MSCI World mit rund 1.300 Unternehmen aus 23 Ländern, und statt einzelne Aktien zu kaufen, erwirbt der Anleger mit einem einzigen Produkt einen ganzen Markt. Apple, Nestlé, SAP, Toyota, alles gebündelt und gewichtet nach Marktkapitalisierung.

Der Weltindex hat über die vergangenen 30 Jahre durchschnittlich rund 8 % Rendite pro Jahr geliefert, in den letzten zehn Jahren sogar rund 12 jährlich, getrieben durch den Tech-Boom. Natürlich schwanken die Kurse: 2008 brach der Index um über 50 % ein, 2020 sackte er innerhalb von Wochen um ein Drittel ab, und beide Male erholte er sich vollständig. Wer 15 Jahre oder länger investiert blieb, hat in der gesamten Geschichte dieses Index nie Verlust gemacht. Nie.

Warum schlagen die meisten Fondsmanager den Index nicht? Weil Kosten fressen. Aktiv verwaltete Fonds verlangen 1,5 bis 2 % jährlich, ein ETF auf den Weltindex dagegen nur 0,12 bis 0,20, und über 30 Jahre summiert sich dieser scheinbar kleine Unterschied auf Zehntausende an entgangener Rendite. Die SPIVA-Studien von S&P Global bestätigen das seit zwei Jahrzehnten: Über 90 % der aktiv verwalteten Fonds in Europa liegen nach 15 Jahren hinter ihrem Vergleichsindex.

Ein automatischer Kauf macht den Einstieg zusätzlich einfach, denn bei Trade Republic geht es ab einem einzigen Betrag pro Monat los, bei den meisten anderen Brokern ab 25. Da der Kauf automatisch zum festgelegten Zeitpunkt ausgeführt wird, entfällt jede Entscheidung über den richtigen Einstiegszeitpunkt, und die Rate lässt sich jederzeit anpassen oder pausieren. Das halte ich für einen der größten Vorteile gegenüber klassischen Anlageformen: Es gibt keine Einstiegshürde.

Welche Kosten fallen wirklich an?

Drei Kostenfaktoren bestimmen, wie viel vom Gewinn übrig bleibt: die Fondsgebühren (TER), die Broker-Kosten und die Steuern. Die TER liegt bei breit streuenden ETFs zwischen 0,12 und 0,20 % pro Jahr, was bei einem Depotvolumen von 10.000 EUR gerade einmal zwölf bis 20 EUR an jährlichen Gebühren bedeutet. Bei einem aktiv verwalteten Fonds wären es 150 bis 200, also das Zehnfache. Über 30 Jahre summiert sich dieser Unterschied auf mehrere Zehntausend an entgangener Rendite.

Die Broker-Landschaft hat sich grundlegend verändert: Trade Republic und Scalable Capital bieten sämtliche automatisierten ETF-Käufe kostenlos an, ohne Ordergebühren und ohne Depotgebühren, während ING und Consorsbank nachgezogen haben und ebenfalls keine Gebühren mehr erheben. Selbst Einzelkäufe kosten bei den Neobrokern nur einen Bruchteil dessen, was eine Filialbank verlangt, wo schnell fünf oder mehr pro Ausführung fällig werden. Das summiert sich.

Bei den Steuern profitieren ETF-Anleger von der Teilfreistellung: Bei Aktienfonds bleiben 30 % der Gewinne steuerfrei, und die Kapitalertragsteuer von 26,375 % (inklusive Solidaritätszuschlag) greift nur auf die verbleibenden 70, sodass die effektive Belastung bei rund 18,5 % liegt. Der Sparerpauschbetrag schützt die ersten 1.000 EUR (Singles) beziehungsweise 2.000 EUR (Ehepaare) komplett vor Abgaben.

Zusammengerechnet: Wer 200 monatlich in einen breit streuenden Indexfonds spart, zahlt bei Trade Republic keine Ordergebühren und rund 15 EUR jährliche Fondskosten (bei 0,12 Prozent TER auf ein wachsendes Depot). Steuern fallen erst an, wenn die Gewinne den Sparerpauschbetrag übersteigen. In den ersten Jahren bleibt die Steuerbelastung bei vielen Anlegern schlicht bei null.

Was sich 2027 ändert

Am 27. März 2026 hat der Bundestag das Gesetz zum Altersvorsorgedepot verabschiedet, das am 1. Januar 2027 in Kraft tritt, sofern der Bundesrat zustimmt, was als wahrscheinlich gilt. Damit steht der größte Umbau der privaten Altersvorsorge seit der Einführung der Riester-Rente 2002 bevor.

Die Kernidee: Der Staat bezuschusst Einzahlungen in ein spezielles Depot, das ausschließlich der Altersvorsorge dient, mit 50 Cent je eingezahltem EUR auf die ersten 360 EUR jährlich und 25 Cent auf die nächsten 1.440. Das ergibt maximal 540 EUR Grundzulage pro Jahr, dazu 300 pro Kind und einmalig 200 für Berufseinsteiger unter 25. Selbstständige sind erstmals zulageberechtigt, anders als bei Riester.

Der entscheidende Unterschied zu Riester: keine Beitragsgarantie. Riester-Anbieter mussten garantieren, dass mindestens die eingezahlten Beiträge am Ende vorhanden sind, was sie in Anleihen und Geldmarktprodukte zwang und die Rendite auf ein Minimum drückte. Das Altersvorsorgedepot erlaubt dagegen echtes ETF-Investieren ohne Garantiepflicht und ohne künstliche Renditebremse, bei einer Kostenobergrenze von 1,0 %. Ab 2027 werden keine neuen Riester-Verträge mehr abgeschlossen.

Meine Einschätzung: Das Altersvorsorgedepot ist für Familien mit mittlerem Einkommen und für Selbstständige die beste Neuerung seit Jahren, während Anleger, die bereits ein freies ETF-Depot besparen, weniger profitieren, weil die Auszahlung erst ab 65 möglich ist und an Bedingungen geknüpft bleibt. Die Flexibilität eines privaten Depots ist und bleibt höher. Beide Wege lassen sich aber ohne Weiteres kombinieren.

Empfehlungen

Die folgenden Empfehlungen richten sich an Einsteiger, die mit ETFs langfristig Vermögen aufbauen wollen, und basieren auf den Fakten, die in den Hauptteilen dieser Serie vertieft werden.

Welcher ETF für den Anfang?

Ein einziger ETF reicht. Der Vanguard FTSE All-World (ISIN: A2PKXG) oder der iShares MSCI ACWI (ISIN: A1JMDF) decken Industrie- und Schwellenländer in einem Produkt ab, und wer bewusst auf Schwellenländer verzichten möchte, nimmt den Amundi MSCI World (ISIN: ETF146) mit 0,12 Prozent TER als günstigste Variante. Ein zweiter ETF ist nicht nötig, drei oder vier schon gar nicht. Einfachheit schlägt Optimierung.

Welcher Broker passt?

Für reine Sparplan-Anleger eignen sich Trade Republic oder Scalable Capital am besten, weil beide keine Gebühren erheben, eine große ETF-Auswahl bieten und mit intuitiven Apps überzeugen. Wer zusätzlich ein Girokonto bei derselben Bank möchte, ist bei ING besser aufgehoben. Filialbanken lohnen sich für ETF-Sparpläne schlicht nicht, weil die Gebühren zu hoch und der Mehrwert zu gering ausfallen. Ein persönlicher Berater hilft beim Depotaufbau wenig, wenn er gleichzeitig teure hauseigene Produkte verkauft.

Wie viel sparen?

So viel, wie langfristig durchhaltbar ist. 50 EUR monatlich sind besser als 300, die nach sechs Monaten gestoppt werden, weil die Sparrate zu ambitioniert gewählt war. Finanztip empfiehlt 15 % vom Nettoeinkommen, wenn man mit 25 anfängt, und eher 25 % für alle, die erst mit 40 starten. Weil sich die Rate jederzeit anpassen lässt, zählt die Regelmäßigkeit am Ende mehr als die absolute Höhe.

Was tun bei Kurseinbruch?

Nichts. Weitersparen. Ein automatischer Kauf erwirbt bei fallenden Kursen mehr Anteile zum günstigeren Preis, was mathematisch vorteilhaft, emotional aber schwer auszuhalten ist. Wer 2020 im Corona-Crash verkauft hat, verpasste die schnellste Erholung der Börsengeschichte, denn innerhalb von weniger als zwei Jahren standen die Kurse höher als je zuvor. Die größte Gefahr beim Investieren ist nicht der Crash, sondern die Panik danach.

Fazit

ETF-Sparen ist kein Geheimwissen: Die Produkte sind breit verfügbar, die Kosten niedrig, die Einstiegshürden praktisch beseitigt. Ein MSCI-World-ETF mit automatisierter Monatsrate bei einem kostenlosen Broker verursacht keinerlei Gebühren und liefert langfristig deutlich mehr Rendite als Tagesgeld oder Festgeld.

Das Altersvorsorgedepot ab 2027 macht die Sache noch attraktiver: Bis zu 540 EUR Grundzulage und 300 pro Kind, erstmals auch für Selbstständige, sind ein handfester Anreiz. Keine Garantiepflicht bedeutet: echte ETF-Rendite statt Minimalverzinsung wie bei Riester. Wer beides kombiniert, also ein freies ETF-Depot für Flexibilität und das Altersvorsorgedepot für die staatlichen Zulagen, fährt am besten.

Laura hat übrigens im Februar ihren ersten automatischen Kauf gestartet: 100 im Monat in den Vanguard FTSE All-World bei Scalable Capital, während die restlichen 100 vorerst auf dem Tagesgeld als Notgroschen bleiben. Kein Expertenwissen, keine Beratung, zwölf Minuten am Handy. Anfangs war sie nervös, nach drei Monaten sagt sie: es fühle sich an, als würde sie sich selbst bezahlen. Das ist der eigentliche Punkt: Der schwierigste Schritt ist der erste.

Die folgenden fünf Teile dieser Serie vertiefen die Themen: Grundlagen und Funktionsweise von ETFs, Auswahlkriterien und Indexvergleich, Depot und Sparplan in der Praxis, Steuern auf ETF-Gewinne sowie Altersvorsorge mit dem neuen Altersvorsorgedepot. Jeder Teil steht für sich. Zusammen ergeben sie einen vollständigen Leitfaden für den Einstieg in die ETF-Geldanlage.

Quellen

  1. extraETF: ETF-Markt für Privatanleger in Deutschland 2025. extraetf.com
  2. MSCI: MSCI World Index Factsheet, Performance Data. msci.com
  3. S&P Dow Jones Indices: SPIVA Europe Scorecard 2025. spglobal.com
  4. Finanztip: ETF Sparplan Vergleich 2026. finanztip.de
  5. Deutscher Bundestag: Gesetzentwurf Altersvorsorgedepot, Drucksache 20/14867. bundestag.de
  6. Bundesfinanzministerium: FAQ Reform der privaten Altersvorsorge 2026. bundesfinanzministerium.de
  7. Deutsche Bundesbank: Basiszins zur Berechnung der Vorabpauschale 2026. bundesbank.de
  8. Finanztip: Rentenlücke berechnen 2026. finanztip.de
  9. Destatis: Verbraucherpreisindex März 2026. destatis.de
  10. BVI: Fondsstatistik zum deutschen ETF-Markt 2025. bvi.de